So ungefähr zu jeden Ferien ändere ich in meiner 7. Klasse die Sitzordnung. Damit mache ich mich regelmäßig bei Teilen der Klasse unbeliebt, weil... ja, weil ich Freundesgruppen auseinandersetze und durchaus auch einmal Streithähne zusammengruppiere. Das geht! Und es macht sogar Sinn.
Welches Ziel hat meine Sitzordnung?
Ziel von fast allen Massnahmen im Klassenzimmer ist es, ein produktives Lernen zu ermöglichen. Leider habe ich weder den Platz noch die Ressourcen, verschiedene Arten von Sitzgruppen (Stehtische, Bodenkissen, ... ) in meinem Klassenzimmer unterzubringen, trotzdem kann ich natürlich etwas beeinflussen: den Lärmpegel zum Beispiel. Aber auch eine so einfache Methode wie Think-Pair-Share wird maßgeblich davon beeinflusst, welche Sitznachbarn hier gemeinsam denken.
Außerdem müssen natürlich die technischen Rahmenbedingungen stimmen. Alle müssen die Lehrkraft sowie die Tafel und/oder die Leinwand im Blick haben können. Alle müssen ihren Platz erreichen können, ohne erst durch das gesamte Klassenzimmer Slalom laufen zu müssen, genauso wie die Fluchtwege natürlich frei sein müssen. An meiner Schule haben alle SuS ihren eigenen Schrank, der natürlich auch nahe oder neben dem jeweiligen Tisch stehen muss. Auch ein Platz für die Schultasche muss sein.
Wer entscheidet die Sitzordnung?
In meiner Klasse habe ich eingeführt, dass im Klassenrat über die Position der Tische bestimmt wird, aber ich festlege, wer an welchem Tisch sitzt. Auf diese Weise ermögliche ich den SuS Teilhabe und Mitgestaltung - immerhin verbringen sie mehr Zeit im Klassenzimmer als ich! Auf der anderen Seite habe ich die Möglichkeit, aus pädagogischen Gründen einzugreifen und die Gruppendynamik zu gestalten.
Wie gruppiere ich Schülerinnen und Schüler?
Jedes Mal, wenn ich die Sitzordnung plane, raufe ich mir erst einmal die Haare. Es ist nicht leicht. In Klasse 7 ist die Pubertät in vollem Gange, alles ist schwierig und das Zusammenleben schon auf Abstand nicht unbedingt leicht. Und jetzt auch noch die Freundesgruppen aufteilen?
Ich stelle mir immer diese Fragen:
- Wer ist gerade mit wem ganz besonders gut befreundet?
- Wer ist gerade mit wem ganz furchtbar verkracht?
- Wer muss aus Gründen (Sehstärke, Körpergröße, Hörvermögen, ... ) an einem besonderen Punkt im Klassenzimmer sitzen?
- Wer sollte ein paar Wochen alleine arbeiten?
- Wer ist so wenig selbstbewusst, dass er/sie unter keinen Umständen alleine arbeiten sollte?
- Wer ist selbstbewusst genug, um mit einem lauteren Kind nebendran zurechtzukommen? (Stichwort Klassenclown)
- Welche Schüler/innen können von einem stärkeren Kind oder einem zu unterstützenden Kind profitieren?(Da kann ich natürlich nur von meinen Fächern ausgehen - das ist aber immerhin ein Anfang.)
- Wer sollte nahe an der Lehrkraft/am Pult sitzen? (Aufmerksamkeit der Lehrkraft dient nicht nur der Kontrolle, sie kann auch stärken und motivieren. Außerdem können sich lautere Kinder aus der hinteren Ecke leichter bemerkbar machen als die leisen.)
- Was habe ich in den letzten Wochen von Eltern, Kollegen oder SuS gehört, das ich wissen muss? (Z.B: ein Kind mit Schulangst setze ich dann doch lieber neben die beste Freundin.)
Warum trenne ich überhaupt Freundesgruppen in meiner Sitzordnung?
Natürlich wäre es leichter, wenn ich der Klasse erlauben würde, sich einfach nach Grüppchen zu sortieren. Das hat aber verschiedene Probleme:
- Irgendwer bleibt immer übrig. Das Gefühl ist nicht schön.
- Freundesgruppen sind häufig (nicht immer) nicht leistungsheterogen. Das ist nicht in allen Fächern relevant, passt aber nicht unbedingt zu meinem Unterrichtsstil.
- Der Lärmpegel ist in der Regel höher, wenn man sich mit seinen Sitznachbarn auch privat gut versteht. Kennen wir alle.
- Freundesgruppen können sich auch ganz furchtbar streiten und ich mag nicht ständig wegen so etwas die Sitzordnung ändern müssen.
- Gerade in meiner aktuellen Klasse ist es so, dass die Freundesgruppen ohnehin sehr wenig Berührungspunkte haben. Das Interesse, sich aufeinander einzulassen, ist noch geringer. Ich habe gewiss nicht das Ziel, dass am Ende eine einzige große Freundesgruppe entsteht, das ist weder realistisch noch notwendig. Ich habe aber sehr wohl das Ziel, dass jedes Kind mit jedem anderen Kind zusammenarbeiten kann. Und dazu braucht es Gewöhnung und den Zwang, sich einmal mit dem oder der anderen auseinanderzusetzen. Mehr als einmal haben sich dadurch schon die Dynamiken der Freundesgruppen sehr verschoben - plötzlich stellte jemand fest, dass der neue Sitznachbar doch nicht so schlimm war wie immer gedacht. Das kann auch bei Streithähnen funktionieren, wie eingangs erwähnt. Hier ist es aber unbedingt nötig, sich auch mit den Kollegen eng abzusprechen und die Situation die ersten Tage gut zu beobachten. Es klappt nicht immer.
Ein letzter praktischer Tipp...
www.sitzplangenerator.de ist eine praktische Internetseite, auf der man die Namen der Schüler so lange hin und her schieben kann, bis man zufrieden ist. Wer Bedenken mit dem Datenschutz hat, kann entweder Nummern verwenden oder sich das Ganze als powerpoint selber basteln.
Und: wer plant, den Sitzplan an die Wand zu werfen, sollte bedenken, dass SuS das Klassenzimmer aus der umgedrehten Perspektive wahrnehmen!
Wenn du den Blog-Artikel magst dann klicke auf das Herz. Das hilft uns zu verstehen, welche Artikel besonders lesenswert sind.