Muss in einer Kunststunde immer ein Produkt entstehen?

Als Referendarin habe ich einmal ein fast 45-minütiges Unterrichtsgespräch geleitet.

Bereits vor der Unterrichtsstunde räumte ich meine großen Taschen aus. Ein Buch nach dem Anderen fand seinen Weg auf einem Tuch in der bekannten Sitzkreismitte. Fotografien wurden dazugelegt. Geplant waren auch Videos und eine Plastik mitzubringen. All das wurde unter einem weiteren Tuch versteckt. Schon vor Beginn des Unterrichts fragten die Schüler*innen, was nun in der Kunststunde geschehen würde. Sie waren verunsichert, da nicht, wie sonst, Karten an der Tafel hingen, welche ihnen sagten was auszupacken sei. Sie sollen sich überraschen lassen, sagt ich zu jedem/r einzelnen Schüler*in welche*r mich fragte.

Dann setzten wir uns in den Sitzkreis und ich fragte: "Was ist alles Kunst?". Sofort kamen Begriffe wie "Malen", "Zeichnen", "Drucken". Eine Schülerin nannte "Tanzen". "Ist Tanzen auch Kunst?", fragte ein Schüler. Und diese Frage gab ich sogleich in die Gruppe zurück. Schon bald eröffnete sich ein Gespräch darüber, was denn nun alles Kunst sei. Immer mehr Ideen kamen und alle hatten Recht. Kurz darauf lüftete ich das Tuch und präsentierte den Schüler*innen mein Mitgebrachtes. Stille. Staunen. Sobald ich das Signal gab, dass nun die Bücher und Bilder betrachtet werden durften, waren die Schüler*innen kaum noch aufzuhalten. Sie vertieften sich in die Bilder, waren teilweise schockiert und auch fasziniert. Sie kamen untereinander ins Gespräch und zeigten sich ihre Funde. Nach einiger Zeit ließ ich jede*n Schüler*in freiwillig einen Fund präsentieren, welcher ihn*sie zum Staunen gebracht hat. Dabei stellte ich immer wieder die Frage: "Was genau hat dich daran zum Staunen gebracht?". So wurden die Berichte immer präziser. Automatisch wurden über Farben, Licht und Schatten, Malstile und auch Interessen gesprochen. Zum Ende stellte ich noch einmal die Frage: "Was ist alles Kunst?" und als Antwort kam, im übertragenden Sinne, "Ganz viel".

Meine Fachbegleitende Lehrerin stellte im Nachgespräch fest, dass in dieser Stunde kein Produkt entstanden sei. Erst bejahte ich. Aber ich dachte noch lange darüber nach. In einem Gespräch mit meiner Fachleiterin vom Studienseminar klärte sich meine innere Unruhe. Denn mir gingen viele Fragen durch den Kopf.

Was wird als Produkt im Kunstunterricht angesehen? Möchte ich den Kunstunterricht nur auf das Anfertigen eines "Produkts" reduzieren? Haben die Schüler*innen in meiner Stunde wirklich nichts "geschaffen"?

Für mich stand klar fest, in diesen 45 Minuten ist ganz viel passiert.

Tags: Kunst, Kunstunterricht, Grundschule, Kunst in der Grunschule, Was ist alles Kunst

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