DAS LEERE BLATT PAPIER oder WARUM IMPROVISATIONSAUFGABEN IM UNTERRICHT NICHT NUR SPASS, SONDERN AUCH SINN MACHEN

Kinder lernen laufen, lesen, schreiben. Mit Messer und Gabel essen. Schwimmen, Englisch. Und manchmal sogar Mandarin. Aber lernen sie auch denken?

Wenn man sich in den heutigen Kinderzimmern so umschaut, entdeckt man ... Ja, in aller Regel Überfluss! Aber auch unendlich viele vorgefertigte Dinge. In meiner Kindheit lautete die Maxime des Legobauens: Ich weiß noch nicht, was es wird - aber ich mach einfach mal. Heute dagegen ist es schon eine Riesen-Katastrophe, wenn ein bestimmter Stein fehlt, weil der kleine Bruder ihn irgendwohin verschleppt hat. Jetzt kann das Ninja-Polizeirevier-Super-Motorrad schon nichts werden ... Aber Moment mal! Wieso eigentlich nicht? Dann wird es halt das Ninja-Polizeirevier-Super-Motorrad ohne dieses eine Teil. Na und? So eins hat dann wenigstens auch kein anderer!

Mir scheint, wir hatten früher mehr Übung in Planlosigkeit. Und automatisch auch im Improvisieren: Du besitzt kein eigenes Spielzeugboot für den Tag am Badesee? Macht nichts, dann zweckentfremden wir eben ein paar Joghurtbecher! Barbie möchte ihre eigene Hochseilbahn? Kein Problem - wozu gibt's Schuhkartons?! Das war bestimmt nicht immer der Weisheit letzter Schluss und hat auch längst nicht immer so funktioniert, wie wir dachten. Aber wir hatten definitiv Spaß!

Heute hingegen ist nahezu jeder Bereich unseres Lebens minutiös durchgetaktet. Bitte nicht falsch verstehen: Das ist für Vieles auch gut und richtig so. Die Welt von heute ist hochkomplex - und das wird in Zukunft auch sicher nicht besser. Da ist es richtig und wichtig, dass Kinder lernen, sich zu organisieren. Aber es ist auch wichtig, dass sie die nötigen Freiräume bekommen, um eine eigene Gedanken- und Fantasiewelt zu entwickeln. Denn so seltsam es klingen mag: Auch Fantasie und Intuition brauchen Übung!

Wundert euch also nicht, wenn sich eure SuS erst mal verloren fühlen in diesem grenzenlosen Meer an Möglichkeiten, das sich beim Improvisieren automatisch auftut. Das ist völlig normal. Das berühmte "leere Blatt" ist nicht umsonst gefürchtet - bei Schriftstellern ebenso wie bei Malern. Es fühlt sich einfach seltsam an, wenn keine Richtung vorgegeben ist. Ungewohnt. Und manchmal auch erschreckend. Aber nur so lernt der Geist das, was über reines Faktenwissen hinausgeht. Und nur so öffnet sich die Pforte zu jenem wundervollen und unendlichen Land namens Fantasie ...


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