Wie bereits erwähnt, sehe ich im Kochen und backen eine große Chance, Schülerinnen anders kennenzulernen, anders zu motivieren und verschiedene Kompetenzen zu fördern.
Jedoch auch Unterrichtsinhalte und Sachkompetenzen lassen sich in der Küche anders und vllt. einprägsamer vermitteln.
Als Fachlehrer für Geschichte, Ethik und Biologie habe ich daher viel Ausprobiert und möchte heute einen kleinen Einblick in meine Erfahrungen geben.
Das Fach Geschichte lebt viel von Quellen, Texten und Bildern, die für die Kinder oft sehr fern und realitätsfremd erscheinen. In einer Welt des Überflusses über Armut, Nahrungsknappheit und wenige Ressourcen zu reden ist schwierig. Zu erklären, dass Gewürze und Salz mehr Wert hatten als Gold oder Edelsteine nahezu unmöglich. Auch das es in bestimmen Epochen und bestimmten Ländern nicht alle Lebensmittel, Obst-und Gemüsesorten gab, ist vielen Lernenden nicht bewusst. Erst wenn sie beim Kochen eines Gerichtes fehlen oder Alternativen gebraucht werden, dann wird es deutlich.
Hier nun eine kleine Zusammenstellung der Themen und Möglichkeiten aus meiner Praxis.

Die alten Germanen
Ja, wie lebten die überhaupt und wovon?
Schüler- und handlungsorientierter Unterricht lässt sich am besten an den realen, historischen Orten nachvollziehen. Lernen am anderen Ort ist ungemein wichtig für SchülerInnen und bereichert den Unterricht und lockert ihn auf.
Warum nicht auch die pädagogischen Angebote der Museen und Einrichtungen nutzten?
Im Rahmen der Unterrichtsreihe "Römer und Germanen" haben wir eine Germanensiedlung besucht und dort viele interessante Sachen ausprobiert.
Neben Bogenschießen, Kräuterkunde und Tauziehen stand auch das Backen von frischem Brot auf der Tagesordnung. Die Zutaten mussten sortiert und gemahlen, dann ein Teig erstellt und dieser in Fladenform gebracht werden. Eine andere Gruppe musste Holz suchen und versuchen, den Ofen anzufeuern. Alle hatten zu tun, es musste im Team gearbeitet werden und als Belohnung gab es frisches, selbstgebackenes Brot aus einfachsten regionalen Zutaten.
Während die Brote im Ofen ruhten, haben wir einen Bericht für die Schülerzeitung verfasst.
Viele Einrichtungen bieten auch umfangreiches Begleitmaterial zu ihren Angeboten an, oft lassen diese sich aber auch selbst erstellen.

Willkommen am Tisch der reichen Römern
Anders als die Germanen, aßen und feierten die wohlhabenden Patrizier im alten Rom.
An einem Projekttag zu den Römern habe ich verschiedene bekannte und unbekannt Zutaten gekauft und präsentiert. Die Lernenden mussten sie erraten und übelregen, was daraus gekocht werden könnte und woher diese Zutaten stammt. Einige lagen Volkommen richtig, andere waren erstaunt.
Ich habe auf der Grundlage der Rezepte des antiken Koches Apicius mehrere Rezeptkarten erstellt und die Klasse in 5 Gruppen geteilt.
Ziel war es, die Gerichte nachzkochen und ansprechend zu präsentieren. Es handelte sich um 2 Vorspeise, 2 Hauptgerichte und eine Nachspeise, welche dann zusammen verzehrt wurden. Dazu gab es Traubensaft und Wasser.
Die SchülerInnen waren erstaunt, dass man Gurken schmoren kann, dass es schon so etwas wie Falafel gab und dass die Römer statt Salz, einen eingekochten Fischsud verwendeten.
Den Geschmack der Schüler hätte Apicius nicht getroffen, aber sie wussten nun viel über die Tuschsitten und Rezepte der alten Römer und dass die Tische der Patrizier durch die vielen Kolonien und Eroberungen immer prall gefüllt waren.
Vom Handbrot bis zum Schweinespieß
Das dunkle Mittelalter mit all seinen Hungersnöten und Seuchen! Weit gefehlt! ;)
An einem weiteren Projekttag lernten die SchülerInnen die Küche und Gewohnheiten der Menschen im europäischen Mittelalter genauer Kennen. Am Anfang gab es Aufträge zu den Bauern- und Herrnspeisen und dann wurden Gruppen gelost.
Eine Gruppe musste 3 Bauernspeisen kochen...mit Holzgeschirr und einfachen Mitteln. Es gab selbstgebackenes Brot, mit Schmalz und Gurke, Erbsensuppe und ein Apfelmus.
Die anderen Gruppe, wandte sich den Herrenspeisen zu. Die Käseplatte mit Trauben und Pfirsich war schnell gemacht, das gefüllte Huhn schon etwas schwerer und die Feigencreme mit Vanille war ein Gedicht.
Gegessen haben wir dann natürlich alles und auch gemeinsam am selben Tisch (Wenn das die Stauffer gesehen hätten ;)).
Zutaten wie Zucker, Tomaten, Kartoffeln, Paprika und Mais suchte man vergebens, auch wenn auf den Mittelaltermärkten ein anderes Bild gezeigt wird (leider).

Klassenprojekte zum kulturellen Verständnis
Kulturell vielseitige Klasen bieten immer schöne Anlässe zu gemeinsamen Aktivitäten, die das Klassenklima verbessern und Annährung und Toleranz schaffen.
Im Ethikunterricht freue ich mich jedes Jahr darauf, dass wir zu jeder der behandelten Religionen gemeinsam kochen und essen. Koscher und süß im Judentum, Fastenspeisen mit Fisch im Christentum, orientalische und halal Gerichte zum Islam und Curry mit Reis bei Hinduismus/Buddhismus (Natürlich vegetarisch). Die Kinder können ihre Erfahrungen und Kulturen einbringen, lernen viel über die Art des Kochens und Essens und erfahren, warum die einen dies nicht essen und die anderen das.
Auch als Klassenlehrer habe ich versucht, in einem internationalen Kochduell, die besten und schönsten Rezepte unserer Kulturen vorzustellen und zu vereinen. Wir bildetet vier Gruppen zu vier Kulturzonen. Deutsche Küche, arabische Küche, persische Küche und Mediterrane/Balkanküche.
Die Kinder sollten zuhause Rezepte erfragen und sammeln und dann mitbringen. Gemeinsam haben wir dann entschieden, welche Gruppe was kocht. Ich war der Chef der "Balkanküche" und wir haben Schaschlik, Bauernsalat, Pita, Nudelreis und Auberginencreme gezaubert.
Ich erinnere mich noch an einen Jungen mit rumänischen Wurzeln, der zum ersten Mal ins einem Leben ein rumänisches Gericht gekocht und gegessen hat und über beide Ohren strahlte und den Streit über die beste Zubereitungsart von Falafel. Es war ein sehr schönes und interessantes Erlebnis, mit vielen Eindrücken und geschmeckt hat es auch noch.
Andere Fächer und Möglichkeiten
Natürlich bieten auch die Sprachen und der Geografieunterricht gute Möglichkeiten, die ein oder andere Stunde in die Schulküche zu verlegen. Egal ob es im Russischunterricht, Französisch- oder Englischunterricht ist, Lektionen zum Essen kommen in allen Lehrbüchern vor. So kann man zum Abschluss einer Einheit etwas schönes landestypisches Kochen oder man erkocht sich das Rezept in der jeweiligen Sprache...Vokabeln und Textverständnis dringend notwendig!
Eine Kollegin kocht auch sehr gern im Geografieunterricht. Zum Ende einer Unterrichtseinheit läd sie die Kids zum gemeinsamen Abschlussessen ein. Dort gibt es dann typische Gerichte z. B. aus Japan, Russland, Mittelamerika oder den USA. Nebenbei fragt sie dann immer die Produkte, ihre Herstellung die Vegetationszonen ab, aus denen sie kommen.
Im Deutschunterricht habe ich, wie bereit schon erwähnt, Rezepte im Themenbereich "Protokolle, Beschreibung und Bericht" verwendet. So haben wir zum Beispiel beim Beschreiben eines Vorganges erst die Textbausteine in die richtige Reihenfolge gebracht, dann per Rezept gekocht und überprüft ob es klappt und dann mussten die Schüler nach meiner Ansage etwas zubereiten und im Nachhinein den Vorgang beschreiben.
Das war nur ein kleiner Pool von Möglichkeiten den Unterricht mal an den Herd oder auch Grill zu verlegen.
Wenn ihr weitere Ideen oder sogar passende Unterrichtmaterialen zu diesem Thema wünscht, würde ich mich freuen, wenn ihr einen Kommentar hinterlassen würdet.
Gern erstelle ich auch mal etwas passenden, wenn ihr Wünsche oder Anregungen habt. Zum Beispiel eine Rezeptsammlung zu bestimmten Epochen oder Ähnliches. ;)
Bleibt mutig, munter und gesund und viel Spaß beim Ausprobieren.

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