ochen im Unterricht? Chance oder Zeitverschwendung?!
Ich kenne die Blicke und auch die Kommentare meiner Kolleginnen, wenn auf dem Plan mal wieder steht "Klasse 6: 1-4 Stunde Geschichte in der Küche".
"Ist das Unterricht? Willst du nichts vorbereiten? Das wäre mir viel zu stressig! Warum machst du das? " sind nur einige der Kommentare und Aussagen, die ich mir dann immer anhören darf.
Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass Kochen und Backen, sowie Zusammensein und Tischsitten einen wesentlich Teil unserer Kultur und eben auch einen enormen Teil vergangenen Kulturen ausmachte und genau DESWEGEN ist das Unterricht! Außerdem bietet es eine andere Form der Kompetenzvermittlung.
Okay, dass Argument mit dem "Das ist mir zu stressig!" kann ich nachvollziehen, denn das kann es wirklich sein...aber es lohnt sich.
Warum ist die Küche manchmal das bessere Klassenzimmer?
Erst einmal Punkte, die für den gemeinsamen Besuch der Schulküche im Allgemeinen sprechen.
Als erstes fällt mir immer wieder auf, dass Essen und Ernährung bei Schülern und Familien entweder sehr im Vordergrund (Gluten, Laktose, Vegetarisch, halal, ..) stehen oder absolut nicht. Immer weniger SchülerInnen haben Frühstück dabei und wenn, dann Chips, Milchschnitte oder eine Backware vom Discounter. Von den Litern an Cola und Energydrinks will ich gar nicht erst anfangen. Ungesunde Ernährung wird immer wieder thematisiert und theoretisch erklär, aber selten praktisch umgesetzt. Des Weiteren stelle ich fest, dass immer weniger SchülerInnen überhaupt kochen können, schon einmal beim Kochen zugesehen haben oder überhaupt wissen, welche Möglichkeiten der Nahrungszubereitung es gibt. Die Bolo kommt aus dem Glas, Döner ist immer greifbar und Pizza gibt's beim Italiener, "Dönermann" oder aus der Tiefkühltruhe. "Brot wird aus Getreide gemacht? Ist das nicht Gras? Iiiihhh!" habe ich auch schon gehört.
Auch das gemeinsame Essen, das Vorbereiten und Nachbereiten (Iiiih, Abwasch) ist heute alles andere, als eine Selbstverständlichkeit. Nahrungsaufnahme ist nötig, wird aber oft nicht als gemeinsames Erlebnis praktiziert und das zeigt sich leider auch oft in den Tischmanieren einiger Kids. Das lässt sich durch das Kochen und gemeinsame Essen im Unterricht etwas abfangen, aber nicht ganz beheben...es gibt eher Möglichkeiten es zu Erleben.
Klare Arbeitsteilung, gemeinsam etwas machen, gemeinsam etwas "schaffen" und im besten Falle dabei noch Spaß haben. Gemeinsame Erfolgserlebnisse oder "Niederlagen".
Stolz auf etwas sein, Komplimente bekommen, ein gemeinsames Erlebnis haben, auch das brauchen und wollen SchülerInnen...vielleicht (bestimmt!) mehr als Satzlehre und Algebra. Auch wenn das Erlebnis nicht immer schmeckt...danke nochmal für die völlig versalzenen Plätzchen zu Weihnachten, sie sahen dafür super aus! ;)
Diese Kompetenzen der Arbeitsteilung und des Teamworks, mit dem Ziel etwas zu erreichen und dem Gefühl etwas (Gutes, Leckeres, Nützliches) geschaffen zu haben brauchen die Kids im späteren Leben immer wieder und sie lassen sich nun mal praktisch und haptisch besser erlernen und nachvollziehen, als zum Beispiel in einer Gruppenarbeit oder einem Partnerdiktat.
Was bei dem Frühstück beginnt, geht bei den anderen Mahlzeiten weiter. Viele Kinde bekommen selten oder kaum eine warme Mahlzeit. Im Rahmen des Unterrichts können sie so nicht nur ein warmes Essen erhalten, sondern vllt. auch Ideen mitnehmen, wie man sich selbst schnell (und bestenfalls gesund) etwas Warmes zaubern kann...ohne großen Aufwand, ohne viel Geld.
Es gibt nichts schönere, als nach einer Woche zu hören "Wir haben das zu Haus mal ausprobiert. War super lecker!". Das fördert auch die Selbstständigkeit der SchülerInnen und erweitern enorm den Horizont...was natürlich einer unserer Hauptaufgaben als Schule ist.
Unabhängigkeit zu erlangen, nicht von Eltern, Freundin, Freund oder dem Lieferdienst abhängig zu sein, das sind doch auch Freiheiten, die man sich selbst leicht schaffen kann und wahre lifeskills sind.
Ich werde nie vergessen, wie überrascht manche Kids waren, was alles in eine gute Tomatensoße kommt, das die ekelhaften Zwiebel in fast allen leckeren Gerichten drin sind, das Pfeffer echt Beeren sind oder wie schnell man Kräuterbutter herstellen kann.
Schlussendlich stärken solche Unterrichtsstunden natürlich auch das Gemeinschaftsgefühl und verbessern das Klassenklima. Wenn man, wie ich, ans einer Schule mit vielen Nationen arbeitet, so kann man genau das auch als Ansatzpunkt für gemeinsame Aktivitäten in der Küche nutzten. Gerichte und Sitten aus anderen Kulturen, die eigene Kultur näher bringen, Vorurteile und Abscheu abbauen, religiöse Speisegesetzte und Verbote verstehen, Nachfragen...alles ist möglich. Garantierten Erfolg gibt es nicht, aber Annährung!
Ich habe in meiner Klasse 7 Nationen und selbst einen anderen kulturellen Background. Wir haben jedes Jahr einen "Tag der internationalen Küche" und auch ein internationale Kochduell veranstaltet. Die Fülle an Gerichten und die Kombinationsmöglichkeiten haben uns alle überrascht. Es gab arabisches Brot mit Falaffel und Hummus, einen indischen Tomaten-Bohnen-Reis-Eintopf, französische Wraps gefüllt mit Salat, Bulgur, Hähnchenbrust, Paprika und Frischkäse, einen griechischen Tomatensalat sowie „Mujaddara“ – ein arabisches Gericht bestehend aus Reis, Linsen und Zwiebeln. Auch die Anhänger der deutschen Küche durften sich über Kartoffelsalat und Bratwurst freuen. Dazu später mehr.
Die andere Seite der Medaille
Grundvoraussetzung für solche Aktivitäten ist natürlich eine gut ausgestattete Schulküche. Diese ist leider nicht selbstverständlich und oft auch nicht so gut ausgestattet, beziehungsweise besitzt nicht die ausreichende Größe. Eine gute, mehrfach ausgestattete Küche kostet Geld, viel Geld, welches für Schulen häufig fehlt. An dieser Stelle rate ich, gezielt auf Sponsoren, Küchenstudios und den Förderverein, sowie poltische Interessenvertreter zuzugehen...wenn es sein muss mehrfach und hartnäckig.
Geld kosten natürlich auch die Zutaten. Manchmal kommen Aussagen wie "Wir bezahlen schon genug! Ach das kostet jetzt auch noch?" und Ähnliches. Ich denke jedoch, dass bei einer Klassengröße von 15 bis 25 Kindern die Kosten gut verteilt werden können. Meist haben wir eine Klassenkasse, sammelt einen geringen Betrag pro Kopf ein oder behelligen den Förderverein.
Oft bezahle ich auch die teureren Lebensmittel (Fleisch, bestimmte Gewürze, ..) selbst und lasse die SchülerInnen die preiswerteren mitbringen. Am besten ist es natürlich, wenn jeder etwas mitbringt, nach Budget und Möglichkeiten, da einige Haushalte ja sehr gut ausgestattet sind, besonders was die Gewürze angehet.
Der nächste Kontrapunkt wäre die Aufsichtspflicht. Ja, es ist nicht immer einfach die ganzen Arbeitsschritte, Streitereien und mögliche Gefahren im Auge zu behalten. Solche Aktionen in der Küche sind oft ein großer Kraftakt und eine Frage des Vertrauens und der Lehrer-Schüler-Beziehung. Mit meiner Klasse hatte ich (Gott sei Dank!) nie Probleme, das lief. In anderen Klassen, die ich nicht so gut kannte oder die etwas "lebhafter" waren, habe ich immer eine Kollegin oder die Schulsozialarbeiterin gebeten, mich zu unterstützten. Auch das Einladen von Elter, ist vollkommen legitim.
Eine breite und eindringliche Belehrung über den Umgang mit Geräten, Messern und Lebensmitteln ist im Vorhinein natürlich Pflicht!
Natürlich sollte auch die Lehrkraft Interesse und Talent besitzen. Wenn jemand sich das nicht zutraut oder wenig bis keine Erfahrung im Kochen und Backen hat, dann sollte man es sein lassen. Leidenschaft und Können oder zumindest Neugier und Experimentierfreude sind Grundvoraussetzungen.
Ein weiteres häufig genannten Argument ist, dass das Kochen und Backen nur Spaß sei und man damit den Unterricht verschwenden würde. Das ist meiner Meinung nach völliger Quatsch.
Wie bereits erwähnt erreicht man so die SchülerInnen ganz anders. Man entdeckt Talente, lernt andere Seiten kennen und ist oft überrascht. Natürlich haben sie vllt. nichts im Heft stehen oder haben kein Tafelbild erstellt, aber sie haben wichtige Kompetenzen erfahren und gelernt.
Sachkompetenzen in Ernährung, Kultur, Geschichte, Traditionen und Nachhaltigkeit. Sehr viele Methodenkompetenzen im Umgang mit Nahrungsmitteln, Zubereitungstechniken und Verfahren.
Man kann beides auch sehr gut kombinieren. Zum Beispiel im Fach Deutsch, wenn es um das Schreiben von Protokollen, Abläufen und Berichten geht. Hier kann man Praxis und Theorie sehr gut verbinden. (Erst Rezept dann Ausführung anhand des Rezeptes, erst mal nach (mündlichen) Anleitung backen und dann die Verschriftlichung, ...)
Und natürlich lernen die Schüler eine Menge an Selbstkompetenzen, wahrscheinlich sogar mehr und nachhaltiger als im reinen Fachunterricht. Wie geht man miteinander um? Wie gelingt Teamwork? Was passiert, wenn einer nicht richtig mitmacht oder aufpasset? Kommunikation und Absprache....um nur einige zu nennen.
Ich kann nur jeden ermuntern, den Schritt in die Küche (wenn
es wieder möglich ist!) mit einer oder seiner Klasse zu wagen. Es gibt so viele
Möglichkeiten und wenn man dies nicht inflationär macht, so ist es immer einer
gelungene und schöne Abwechslung im Schulalltag.Daher steht für mich fest...Kochen im Unterricht, egal welche Klassenstufe oder Schulform, ist immer eine Chance.
Traut euch und probiert es aus! Es lohnt sich ;)

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