Junge Menschen leben in zwei Realitäten: ihrer physischen und biologischen Realität, und in der künstlichen Realität des Schulalltags. Beide Realitäten beeinflussen sich gegenseitig und kreieren das wahrgenommene Leben junger Menschen.
Man könnte sagen, wir Menschen durchlaufen in unserer Kindheit und Jugend gleichzeitig zwei Zyklen - die Schullaufbahn und unsere biologische Entwicklung. Beide Zyklen führen in jeder Phase unseres Werdens zu unterschiedlichen Bedürfnissen, Emotionen, Wünschen und letztendlich Verhalten. Konflikte beider Zyklen - wie z.B. das natürliche Ausloten von Grenzen eines 14-Jährigen und die Notwendigkeit von Ruhe und Aufmerksamkeit in einer Unterrichtseinheit - sind vorprogrammiert, selbstverständlich und dennoch eine Quelle enormen Frustes für Lehrkräfte, Eltern und letztendlich die jungen Menschen selbst.
Lehrplan-Realität
Die meisten Lehrpläne haben das selbst postulierte Ziel, junge Menschen individuell für das weitere Schul- und Berufsleben zu befähigen. Dazu sollen Schulen beim Erwerb von Wissen, bei der Entwicklung von Kompetenzen und bei der Vermittlung von Werten mitwirken.
Stichwörter wie Selbstwirksamkeit, “Entwicklung eigener weltanschaulicher Konzepte”, “Entwicklung eigener Lebenspläne”, eigenständiges Handeln, Selbstverantwortung, Verantwortung für andere, Mitwirken an der Gestaltung des Soziallebens, Sinnfindung usw. sind nicht nur Wegweiser für den Schulalltag, sondern in ihrer Ganzheit kaum umsetzbare Herausforderungen für Pädagog*innen.
Zum Beispiel “Stärken stärken” teilte uns ein Lehrer mit: “Das Thema ist schon so ausgelutscht, ich kann es nicht mehr hören. Aber trotzdem weiß niemand, wie man das richtig macht!”.
Besonders spannend ist, was passiert, wenn man junge Menschen gleichen Alters - die also die gleiche biologische Entwicklung erleben - unterschiedliche Schullaufbahnen durchmachen lässt. Während in einer NMS die Beschäftigung mit der persönlichen Karriere bereits im Alter von 12-13 Jahren intensiv beginnt, liegen solche Gedanken am Gymnasium noch mindestens vier Jahre fern, wenn sie nicht sogar bis ans Ende des Studium hinausgezögert werden.
Speziell im Bereich der Berufs- und Zukunftsorientierung durchlaufen junge Menschen grob sechs Phasen:
Erfahren - “Oh, es gibt sowas wie eine Zukunft!”
Überlegen - “Was soll ich nur mit mir anfangen?”
Erkunden - “Welche Möglichkeiten gibt es überhaupt?”
Entscheiden -“Was soll ich tun?”
Erleben -“Ok, langsam macht das Sinn!”
Austauschen -“Was machst du so?”
Die Lehrplan-Realität ist also all-umfassend, individuell, anspruchsvoll, humanistisch. Und dennoch ist der Alltag an Schulen auch geprägt von Frust, negativen Emotionen, Überforderung und Angepasstheit.
Biologisch-Psychische Realität
Die biologisch-psychologische Entwicklung lässt sich weniger scharf (und nicht durch den Lehrplan bestimmt) abgrenzen. Grundsätzlich kann man sagen, dass ab ca. dem Alter von sechs Jahren der Erwerb kulturell relevanter Fähigkeiten wie die Entwicklung eines Ich-Gefühls und einer Identität beginnt.
Die Entwicklung im Jugendalter ist unter anderem eine Funktion persönlicher und sozialer Erwartungen. Für junge Menschen selbst zählen hierbei ganz viele Dinge: die eigene Identität und die der Gleichaltrigen, der eigene Körper und Intimität, die Zukunft ganz allgemein und auch bezogen auf Berufe.
Dazu kommt in der Pubertät (circa 10-13 bei Mädchen, 11-14 bei Jungen) eine ganze Reihe neuer Einflussfaktoren: man selbst und die Menschen um einen herum entwickeln sich alle (unterschiedlich) schnell und bringt so neue Stressoren in den Alltag. Gleichzeitig beginnt in dieser Phase die akute Berufsorientierung an NMS und macht die ganze Sache noch komplexer.
Nach der Pubertät stellt sich ein Zugehörigkeitsgefühl ein, dass den Fokus mehr auf die Entdeckung des Du legt. Während davor vorrangig die eigene Identität im Mittelpunkt der persönlichen Entwicklung steht, wird nun um sich herum geschaut. Das zeigt sich durch die Entwicklung von Gefühlen wie Mitleid, Empathie udgl.
Ein bestimmender Faktor in dieser Phase ist Unsicherheit, die sich entweder als Schüchternheit oder aber als übertriebenes Selbstbewusstsein zeigen kann.
Ab dem Alter von ca. 16 Jahren beginnt dann allmählich die Integration in das Erwachsenenleben.
Die ablaufenden biologischen Prozesse sind in gewisser Weise gleich, ähnlich wie der Lehrplan für alle jungen Menschen gleich ist. Die Entwicklung einzelner junger Menschen und derer Interessen, Persönlichkeiten und Charakterstärken ist aber so individuell wie der Fingerabdruck.
Was brauchen nun junge Menschen für eine bestmögliche Entwicklung?
Die bestmögliche Entwicklung wird für jeden Menschen ein wenig anders sein. Und genau darin liegt die Antwort. Die bestmögliche Entwicklung befähigt jeden Menschen, mutig den eigenen, individuellen Weg in die Zukunft zu gehen und dabei glücklich und erfolgreich zu sein.
Wie kann man diese Frage überhaupt beantworten, ohne dass wir wie viele Lehrkräfte schier gelähmt werden vor Anforderungen?
Die Positive Psychologie definiert fünf Handlungsfelder, die Menschen helfen, sich besser zu fühlen. Jeder Mensch wird unterschiedlich stark von den einzelnen Feldern berührt. Aber für jedes Feld gibt es konkrete Maßnahmen, um sie zu fördern.
Positive Gefühle
sind angenehme, gute Emotionen die sich unmittelbar auf die Stimmung auswirken. Die Steigerung guter Gefühle steigert natürlich auch das individuelle Glücksempfinden. Isoliert verfolgt ist das aber keine nachhaltige Strategie zur bestmöglichen Entwicklung.
Begeisterung
und sich in etwas verlieren passiert dann, wenn man etwas tut, was die eigenen Stärken und Interessen anregt. Dieser Zustand, auch oft “Flow” genannt, kann je nach Mensch in den verschiedensten Situationen vorkommen. Ob beim Videospielen, Konversationen, Programmieren, Lernen oder Lesen, Begeisterung ist essentiell für ein glückliches Leben.
Positive Beziehungen
kreieren ein Umfeld, das einen gerne hat, fördert und fordert. Die meisten Menschen sind soziale Tiere und brauchen zum Wohlfühlen positive Beziehungen. Ob eine starke Klassengemeinschaft, zuhörende Lehrkräfte oder der Sportverein, ohne diese sozialen Interaktionen kommt schnell Einsamkeit auf - einer der größten Feinde des Glücklichseins. Und nicht nur das Nehmen aus dem sozialen Umfeld ist glücksfördernd - auch und besonders das Geben spielt eine wesentliche Rolle für die Entwicklung.
Sinn
erfüllt das Leben mit etwas Größerem als die eigene Person. Das kann die Familie, Politik, Umwelt, Religion, Gemeinschaft, Gerechtigkeit und viel mehr sein.
Zielerreichung
ist - ob in der Schule, im Sport oder im Job - ein beitragender Faktor für höheres Wohlbefinden. Das konstante Nichterreichen von Zielen führt dementsprechend zu geringerem Wohlbefinden, ein Fakt den die meisten von uns nachvollziehen können.
Vielleicht sind diese Handlungsfelder schon eine Inspiration, etwas für die jungen Menschen im eigenen Umfeld zu tun. In jedem Fall bieten die Angebote von Polarstern Ansatzpunkte.
Eltern
Für Eltern ist das Erwachsenwerden der Kinder ein langfristiger Prozess der Loslösung. Bereits im jungen Kindesalter werden diese langsam Institutionen außerhalb der Familie vorgestellt. Mit dem Schulbeginn ist hier ein großer Schritt getan. Das Kind orientiert sich dann immer mehr an seinem sozialen Umfeld außerhalb der Familie, bis es sich dann in der Pubertät fast komplett abwendet. Nach der Pubertät liegt die Hauptaufgabe der Eltern dann darin, das Kind auf die nächste Phase des Lebens vorzubereiten und vor allem:loszulassen.
Das Leben junger Menschen ist eine epische Reise auf dem Weg zur eigenen Identität. Zwischen Schulalltag und Pubertät gibt es aber einige Impulse, die wir setzen können, um bestmögliche Entwicklung zu begleiten. Und das größte, was wir tun können, ist unseren jungen Menschen zu vertrauen.
Quellen u.A.
Setterlund, M.B., Niedenthal, P.M. (1993). “Who am I? Why am I here?”: Self-esteem, self-clarity, and prototype matching. Journal of Personality and Social Psychology, 65, 769–780.Fouad, N.A., Smith, P.L., Zao, K.E. (2002). Across academic domains: Extensions of the social-cognitive career model. Journal of Counseling Psychology, 49, 164–171.Seligman, M. (2018). PERMA and the building blocks of well-being. The Journal of Positive Psychology, 13(4), 333-335.Wenn du den Blog-Artikel magst dann klicke auf das Herz. Das hilft uns zu verstehen, welche Artikel besonders lesenswert sind.