Bei Polarstern dreht sich alles um Stärken.
Wir verstehen Stärken als positive persönliche Eigenschaften, die wir in allen Bereichen unseres Lebens (mal mehr mal weniger) nutzen. Denn gerade wenn es um Kinder und Jugendliche geht, werden viel zu oft die Defizite, Probleme und Schwächen in den Blick genommen, statt ihre Ressourcen, Fähigkeiten und Stärken. Doch Stärken sind nicht immer sichtbar, sondern müssen manchmal erst ins Bewusstsein gerückt und zur Wirkung gebracht werden. Denn mit dem Blick auf Stärken - auf das, was schon da ist - können nicht nur die Selbstwirksamkeit gestärkt, sondern auch positive Erlebnisse und somit Lernprozesse angeregt werden.
Doch was bedeutet es, stärkenorientiert zu denken und zu arbeiten - gerade als Pädagog*in?
Stärkenorientiert zu denken und zu handeln bedeutet, das in den Blick zu nehmen, was gut läuft, was (junge) Menschen können und gern machen, statt den Fokus auf Probleme und Schwächen und wie diese überwunden werden können zu richten. In der Psychologie gewann dieser Perspektivenwechsel in den 1950er Jahre an Bedeutung: Die sich neu entwickelnde Positive Psychologie legt den Fokus auf die positiven Seiten des menschlichen Bewusstseins und Verhaltens, im Gegensatz zur der bis dahin vornehmlich an Defiziten orientierten klassischen Psychologie (Brendtro/Steinebach 2012: 18 f.). Diese Sichtweise findet sich auch in anderen Wissenschaften und Konzepten wieder, etwa in der Psychotherapie (z.B. personenzentrierter Ansatz nach Carl Rogers oder Steve de Shazer), Sozialen Arbeit und Pädagogik (z.B. reformpädagogische Ansätze). Bei letzterem geht es vor allem darum, dass junge Menschen mit all ihren Bedürfnissen, Interessen und Ressourcen im Mittelpunkt pädagogischer Handlungen stehen, nicht ihre Entwicklungsverzögerungen, Verhaltensauffälligkeiten und fehlenden Kompetenzen.
In der Theorie klingt die stärkenorientierte Perspektive sehr sinnvoll, doch es kommen auch Zweifel auf, wenn an die praktische Umsetzung, beispielsweise in Bildungseinrichtungen, gedacht wird. Junge Menschen stecken in einem leistungsorientierten und gleichzeitig defizitorientierten Bildungssystem fest, das vornehmlich zum Ziel hat, Lerndefizite auszugleichen. Die Note Vier in Mathematik wiegt viel schwerer als eine Eins in Deutsch. Zeit und Raum für individuelle Stärkenorientierung bleibt für Pädagog*innen kaum. Zudem funktioniert die professionelle Ermittlung von Unterstützungsbedarf von Kindern und Jugendlichen in Pädagogik und Therapie bisher nun mal über Entwicklungsverzögerungen, also Defizite (Knauf 2015). Und auch im Alltag mit Kindern und Jugendlichen fällt es manchmal schwer, positiv zu bleiben, wenn es zu Konflikten kommt. Es fehlt also oft an den passenden Rahmenbedingungen, an Zeit und Erfahrungen, um stärkenorientiert zu arbeiten. Doch was können wir tun? Wie können wir die gesellschaftlich verankerte Defizitorientierung aufbrechen?
Für eine stärkenorientierte Haltungsänderung braucht es eine Reflexion und Änderung des eigenen Denkens und Tuns. Viele von uns wurden dahingehend geprägt, Probleme schnell erkennen zu können und Lösungen dafür zu suchen. Das hat Vorteile, denn so können bei Belastungen und Herausforderungen Hilfeleistungen angeboten werden, doch verharren wir auch oft in dieser Perspektive. Stärkenorientiert zu denken und arbeiten bedeutet also zuallererst, das eigene Denken und Handeln zu hinterfragen. Wie nehme ich mich selbst und meine Mitmenschen in bestimmten Situationen wahr? Warum fällt es mir oft leichter, das Schlechte zu sehen?
Auf der anderen Seite geht es darum, die eigenen und die Stärken und Ressourcen unserer Mitmenschen ausfindig zu machen, zu benennen und Impulse zu geben, wie diese genutzt werden können. Und zwar nicht nur punktuell sondern immer. Konkret bedeutet das für Pädagog*innen bei jungen Menschen auf das zu achten, was schon da ist und funktioniert, nicht nur auf das, was noch werden kann. Oft bedeutet das einen Sprung ins kalte Wasser, denn die Defizite sind eine klare Orientierung, die uns bei der Förderung junger Menschen zumindest einen Ankerpunkt gibt. Wenn wir uns an Stärken orientieren, bedeutet das erstmal, diese Ankerpunkte aufzugeben und jungen Menschen selbst das Ruder in die Hand zu geben. Das mag beängstigend wirken, ermöglicht aber langfristig eine nachhaltige Stärkung junger Menschen, ein besseres (Klassen-)Klima, und macht es einfacher, die Contenance zu wahren, wenn es mal brenzlig wird.
Unsere Stärkenperspektive verfolgt das Ziel, vorhandene Stärken zu erkennen und zu fördern, auch diejenigen, die nicht gesellschaftlichen Vorstellungen entsprechen. Es geht nicht nur darum, besser zu werden, mehr leisten zu können, oder für jedes Problem “problemlose” Lösungen zu finden, sondern persönliche Ecken und Kanten wertzuschätzen und auf das zu schauen, was schon da ist und funktioniert. Junge Menschen stecken voller Ideen, Kreativität, Engagement und Stärken, die es zu aktivieren und entwickeln gilt!
Knauf, Helen (2015): 5 Hindernisse für stärkenorientierte Pädagogik, in: Kinder, 14/10/2015, https://kinder.hypotheses.org/930.
Brendtro, Larry K./Steinebach, Christoph (2012): Positive Psychologie für die Praxis, in: Steinebach/Jungo/Zihlmann (Hrsg.): Positive Psychologie für die Praxis, Weinheim/Basel, Beltz Verlag.
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