How to – Geschichtsunterricht …


Grundlagen und Kompetenzen

Das Beispiel: Karl der Große - Vater Europas?

Geschichtsunterricht ist nicht gleich die Lehre von der Vergangenheit. Es geht um die Erinnerung an die Vergangenheit, die in Konstrukten dargestellt ist, die sich aus Fragen aus der Gegenwart zusammensetzen. Doch was bedeutet das jetzt?

Eigentlich ist es offensichtlich, denn was vergangen ist, ist für den Menschen in seiner Gänze verloren. Vergangenes hat nur dann eine Relevanz, wenn sich Menschen aus der Gegenwart mit ihr beschäftigen, Interesse daran zeigen, nachfragen und aus den vergangenen Ereignissen Erkenntnisse gewinnen wollen, die eine Bereicherung für die Zukunft darstellt. Genau das ist auch das Herzstück des Geschichtsunterrichts.

Doch was für einen Nutzen kann solch eine subjektive Erinnerung an Vergangenes von unterschiedlichen Personen damals, von unterschiedlichen Personen heute aus unterschiedlichen Perspektiven haben?


Konkretisieren wir das ganze doch an einem Beispiel…

Reihenthema: Die Formierung Europas im Mittelalter – Leben, Wirtschaft, Religion und Politik des Mittelalters als Basis für einen identitären Europagedanken?

Was für eine Relevanz hat dieses Thema für unser heutiges Leben? Oder anders gefragt: Wieso sollten SchülerInnen so etwas überhaupt lernen?

Stunde 1: Gerechte Kreuzzüge? – Ein Beispiel für die Kriegslegitimation durch das Konzept des „gerechten Krieges“ (Bellum Iustum).

Stunde 2: Karl der Große als Vater Europas? – Ein Beispiel für die Konstruktion eines Geschichtsbildes in der Gegenwart.

Stunde 3: Wie leben die Menschen im Mittelalter? – Die mittelalterliche Stadt als Beispiel für die Lebens- und Organisationsform und ihre Bedingtheit.

Die Legitimation für den eigenen Unterricht ergibt sich aus der Problematisierung jedes geschichtlichen Themas, der einen Transfer zur Gegenwart schafft und somit für die SchülerInnen in ihrem eigenen Leben relevant wird und die Ausbildung einer Reflexions-, Orientierungs- und Handlungskompetenz bildet.


Konkret soll dies am Beispiel der 2. Stunde näher ausgeführt werden. Schwerpunktsetzung der Doppelstunde ist:

Die Schülerinnen und Schüler (SuS) können die Bezeichnung „Vater Europas“ für Karl den Großen kritisch hinterfragen und die Bedeutung von Geschichtsbildern kennen lernen. Die SuS erkennen, dass sie von Geschichtsbildern gegenwärtig beeinflusst werden und können damit kritisch und reflexiv umgehen.


Angestrebte Kompetenzen

Sachkompetenz

Sk1: Die Schülerinnen und Schüler können das Leben und Wirken „Karls des Großen“ beschreiben (Herrschaftssicherung und Expansion, territoriale Ausdehnung, Verwaltung, Christianisierung, Bildungsreform).

Sk2: Die Schülerinnen und Schüler können die Argumente, dass „Karl der Große“ (nicht) als Vater Europas angesehen wird, darstellen.

Sk3: Die Schülerinnen und Schüler lernen den Begriff „Geschichtsbild“ kennen.


Reflexionskompetenz

Rk1: Die Schülerinnen und Schüler können das Geschichtsbild von „Karl dem Großen als Vater Europas“ kritisch hinterfragen (Europa als Konstrukt der Gegenwart, kein Europa-Gedanken, Nutzen des Europa-Mythos).

Rk2: Die Schülerinnen und Schüler können Probleme von Geschichtsbildern erkennen und auf heutige Geschichtsbilder übertragen (z.B. Geschichtsbilder sind einem Zweck unterlegen, Perspektivität, Konstrukt, Eindimensional).


Orientierungskompetenz

Ok1: Die Schülerinnen und Schüler können die Absicht hinter und somit die Bedeutung von Geschichtsbildern erkennen (z.B. Erzeugung von Gemeinschaftsgefühl, Identitätsbildung, Verfolgung persönlicher Interessen, Legitimation).

Ok2: Die Schülerinnen und Schüler werden gegenüber der Argumentation mit der Vergangenheit sensibilisiert (z.B. Funktion und Probleme von Geschichte, Zukunftssteuerung durch Gegenwartsdeutung).

 

Klar wird hier: Ziel der Stunde ist es nicht, das Mittelalter vertieft kennen zu lernen, oder die Taten oder Untaten von Karl „dem Großen“ darzustellen und auswendig zu lernen, sondern zu hinterfragen, warum Karl überhaupt „der Große“ heißt. Weiterhin lernen die SuS das Konstrukt eines Geschichtsbildes kennen und reflektieren und hinterfragen eigene Geschichtsbilder in ihrem Leben.

Hier wurden in meinem Unterricht eine Vielzahl von Geschichtsbilder der Schülerinnen und Schüler transparent:

-       Eigene Familiengeschichte in Geschichtsbilder eingewoben (v.a. Migranten, Flüchtlinge)

-       Umgang mit Autorität (Notwendigkeit, Glaubwürdigkeit vs. kritisches hinterfragen und Manipulation)

-       Geschichtsbilder in Computerspielen: EgoShooter, Aufbausimulationen

-       Geschichtsbilder in sozialen Medien, wie z.B. Instagram – politische Memes, Witze, aktuelle Politik und der Einbezug (unzulässiger) historischer Vergleiche


Lasst gerne eure Gedanken und Kommentare hierzu da!

Deine

Miss.Steacher ♥


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