Den Herbst mit der Nase suchen :-)

Dieses Wochenende mache ich mich auf die Suche nach dem, was den Herbst für mich ausmacht. Ich gehe durch den Garten – mein Ziel sind herbstliche Gerüche. Denn am Montag soll das unser Thema im Deutschunterricht werden. Nach was riecht also der Herbst? Dies kann natürlich nicht objektiv beantwortet werden, denn es hängt auch von den subjektiven Assoziationen eines jeden einzelnen ab. Je mehr ich mich auf die herbstlichen Gerüche konzentriere, desto mehr fällt mir ein. Im Gleichen Zug wandern meine Gedanken dabei auch zu den Orten, Erlebnissen, Tätigkeiten und auch Menschen, die ich damit verbinde. Genau das ist der Weg, den die Kinder am Montag gehen sollen. 

Durch die Konzentration auf nur einen Sinn- nämlich den Geruchssinn- möchte ich erreichen, dass die Schüler ganz in sich gehen, ihre Aufmerksamkeit bündeln und diesem einen Sinn nachspüren. Ich möchte nicht, dass sie einfach nur herbstliche Schlagwörter verwenden, von denen sie wissen, dass der Lehrer diese zum Thema „Herbst“ erwartet. Ich möchte, dass die Kinder tiefer in sich gehen, dass sie tatsächlich die Fährte nach dem aufnehmen, was den Herbst ausmacht und sich richtig hineinfühlen und –denken. Ausgehend von den Gerüchen, sollen sie ihr Gedankennetz weiterspinnen und die Dinge ebenfalls mit eigenen Erlebnissen, Erfahrungen, Orten, Menschen usw. verknüpfen. Ausgehend von diesem gedanklichen Netz wird es ihnen auch gelingen, die Leser ihrer Texte in ihren Bann zu ziehen. 

So finde ich für mich eine ganze Reihe herbstlicher Gerüche. Der Geruch des Tees, den wir nach einem langen Spaziergang im Nebel genießen. Ich liebe den Nebel, den es bei uns vor allem entlang der Günz gibt. Auf dem Hinweg machen wir einen Abstecher zum Rehgehege. Schafe habe dort ebenfalls ihr Winterquartier. Den Rückweg gehen wir meist über die Wiesen, über eine kleine Brücke am Bach. Das ist mein gedankliches Netz zum Geruch des Tees. 

Spinnen Sie doch einmal ein eigenes Netz J

Ich stelle einige Gläser mit Schraubverschluss bereit und befülle diese mit den „riechenden“ Dingen, die ich daheim ohne großen Aufwand beschaffen kann. Einige Stücke Kürbis, eine erdige Kartoffel,  ein paar Astern und Chrysanthemen, Walnüsse frisch vom Baum mit ihrer fleischigen Hülle, einen Apfel und natürlich den besagten Tee. Anschließend drucke ich passende Etiketten und beklebe die Gläser damit. 

Am Montagmorgen stehen diese Gläser schon auf einem Tablett im Klassenzimmer bereit, wenn die Kinder hereinkommen. Sofort nehmen sie dies in Augenschein. Sie betrachten die Dinge, lesen die Etiketten. Sofort stellen sie die Verbindung zu ihrer Hausaufgabe her. Sie sollten aufschreiben, was der Herbst für sie bedeutet. Die Kinder kommen miteinander ins Gespräch, tauschen sich darüber aus. Ohne mein Zutun und noch vor Unterrichtsbeginn, haben sie ihre Ideen miteinander geteilt. 

Ich beginne den Unterricht und erkläre den Kindern, dass ich mich darüber freue, dass sie sich bereits über den Herbst ausgetauscht haben. Dann hole ich das Tablett in den Kreis und lasse die Kinder beschreiben. Sollte noch kein Kind die Idee dazu gehabt haben, öffne ich jetzt ein Glas und rieche demonstrativ daran. Ich lege das Themenschild „So riecht der Herbst“ dazu. Die Kinder geben die Gläser reihum und riechen ebenfalls daran. Wir beschreiben gemeinsam die Gerüche. Was riecht für dich gut? Was unangenehm (Hokkaido riecht roh nicht unbedingt so lecker wie die Cremesuppe...)? Wie würdest du die Gerüche beschreiben? Kennst du all die Dinge? Die Kinder erzählen hier bereits ausgiebig von ihren herbstlichen Erlebnissen. Von Ritualen, die sie in ihrer Familie im Herbst haben. 

Anschließend überlegen die Kinder mit dem Partner oder in Kleingruppen, welche Dinge auf ihrem Blatt von der Hausaufgabe sie riechen können. Auch hier kommen wieder alle ins Gespräch. Gemeinsam können sie auch noch herbstliche Gerüche auf ihrem Blatt ergänzen.  Ziel ist es, im Kopf ein herbstliches Bild- kein oberflächliches- im Kopf entstehen zu lassen. Wir sammeln die Ideen der Kinder an der Tafel. Ich nutze dafür vorbereitete Wortkarten und ergänze handschriftlich. So entsteht ein großer Ideenfundus. Nicht jeder kann mit jedem Geruch etwas anfangen, aber jeder findet Gerüche, mit denen er etwas verbindet. Die Kinder erzählen in der Regel von sich aus, wo sie etwas riechen, was sie damit verbinden. Ich hänge dann die Karten mit den Schreibtipps einfach dazu. Diese müssen nicht extra erarbeitet werden, sondern ergeben sich ganz natürlich aus dem Unterrichtsverlauf. Abschließend suche ich mir einen Geruch, den wirklich alle Kinder kennen sollten und demonstriere daran die Schreibtipps. Dieses Beispiel halte ich an der Tafel fest. Zum Beispiel der Geruch von „Laub“ (daheim im Garten- Apfelbaum- Laub rechen- Igelquartier- Laub auf dem Schulweg- nasses Laub- Laub im Wald...). Das entscheidende Kriterium soll die Anschaulichkeit sein. Der Leser soll sich das jeweilige herbstliche Bild gut vorstellen können. Dieses Kriterium sollte allen Kindern klar sein.

Jedes Kind sucht sich nun zwei Dinge aus. Auf einem Blockblatt schreiben die Schüler den Erstentwurf ihres Herbsttextes. Der Herbst riecht für mich nach...

Fertige Kinder treffen sich am Marktplatz (eine Stelle im Klassenzimmer, die ich immer für den Austausch nutze und dementsprechend gekennzeichnet habe) und tauschen sich aus. Vielleicht können sie gemeinsam ihre Ideen noch weiterspinnen und den Text ausbauen. Kann sich der Partner das herbstliche Bild schon gut vorstellen?

Die Texte der Schüler korrigiere ich. Kriterien dabei sind neben der Rechtschreibung und des korrekten Satzbaus natürlich auch die Anschaulichkeit der Beschreibung. 

Am folgenden Tag schreiben die Kinder ihre Hersbtkurztexte auf ein Schmuckblatt. Dies wertet die Arbeit auf, zollt Anerkennung und motiviert. Während dieser Phase stehe ich für Rückfragen zur Verfügung, denn ich erwarte, dass die Kinder meine Korrekturhinweise umsetzen. Ich erkläre den Kindern vor der Schreibphase auch, dass die Texte später präsentiert und ausgestellt werden. Denn in meiner Klasse müssen die Kinder längst nicht alles Geschriebene überarbeiten. Texte, die nur für sie selbst bestimmt sind, z.B. Lerntagebücher, Skizzen, Tagebuchtexte usw werden bei uns nicht überarbeitet. Denn eine Überarbeitung ist ja kein Selbstzweck, sondern hat einen Sinn zu erfüllen. Dieser liegt hier in der Präsentation der Texte.

Schnelle Kinder werten ihr Werk noch durch Malen und Zeichnen von zu ihren Texten passenden Dingen auf.

Gemeinsam hören wir uns am Ende noch einige Texte an. Nicht zu viele auf einmal, denn die Kinder sollen sich die beschriebenen Herbstbilder vorstellen können. Dies benötigt Raum und funktioniert nicht, wenn sie 10 Texte oder mehr am Band zur hören bekommen. Die Blätter kleben die Kinder anschließend auf ein etwas größeres buntes Papier und werten durch diese „Rahmung“ ihre Werke zusätzlich auf . Ich habe die Texte auch schon einmal zusammen mit getrockneten Blättern laminiert.. Anschließend hängen wir die Werke an unsere Geschichtenwand, wo sie jeder lesen kann. Auch die kommenden Tage nehmen die Kinder dieses Angebot gerne in Anspruch, lesen, träumen, unterhalten sich über den Herbst. Und ich bin mir sicher, dass einige Kinder diese Achtsamkeit mit in ihre Familien tragen und zu Spürnasen für herbstliche Gerüche werden J

 

PS

In der Regel benote ich die kurzen Texte auch mit einer einfachen Note. Ich habe den Eindruck, dies hebt die Wertigkeit der Aufgabe. Auch dieses schöne, kreative Schreiben wird so gebührend anerkannt und ist nicht nur eine Spielerei zwischen zwei „richtigen“ Aufsatzthemen. Wie bei allen anderen Texte-Verfassen-Bereichen auch, nutze ich dazu eine Tabelle mit gewichteten Kriterien und bilde daraus die Note.


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