Das Erntedankfest ist ja schon vorbei und ich sehe: Viele haben die Vorlage zum Erntedankfest runtergeladen. Es freut mich wirklich sehr und es interessiert mich: habt ihr es umgesetzt? Wie sind die Ergebnisse geworden? War es einfach oder schwer? Habt ihr Mosaikbilder gemacht oder ausgemalt?
Allzu gerne würde ich hier stolz Bilder aus meinen Gruppen posten - allerdings habe ich mir selbst ein unverrückbares Verbot verhängt, Bilder meiner Schülerinnen und Schüler zu veröffentlichen - denn auch für sie gilt das Urheberrechtsgesetz. Aber ich kann erzählen, wie es bei mir gelaufen ist. Dieses Projekt habe ich in zwei extrem unterschiedlichen Gruppen umgesetzt: mit einer feinmotorisch sehr fortgeschrittenen Gruppe von neun Erst- bis Viertklässlerinnen (Gruppe 1) und einer winzigen Gruppe von vier Förderschülerinnen und -Schülern zwischen acht und zehn, feinmotorisch eher zurückhaltend und unsicher(Gruppe 2).
Obwohl beide Gruppen die Vorlagen zum Arbeiten bekamen, hätten die Arbeitsbedingungen nicht weiter voneinander abweichen können: Gruppe 1 bekam einen Stapel Werbeprospekte in die Mitte des Tisches gelegt und durfte sich die Mosaikteile eigenständig ausschneiden. Es war ein spannendes Chaos und auch ein bisschen Wettkampf um ein bestimmtes Grün oder "das eine Rot" oder um winzige Streifen Dunkelblau am Rand einer Prospektseite.
Jedes Kind konnte sich schnell für eine Vorlage entscheiden. Niemand hatte sich überschätzt - so verführerisch der Brokkoli auf grünem Büropapier aussah, so nüchtern betrachteten die Erst- und Zweitklässlerinnen die vielen Flächen und entschieden sich dann für einen Apfel, eine Birne oder eine Paprika. Das eine Mädchen, das sehr langsam arbeitet, suchte sich den Pilz aus. Die Trauben und den Brokkoli schnappten sich die Dritt- und Viertklässlerinnen. Es ging wild zu, nicht ohne ein bisschen Drama am Ende - da mussten drei Mädels schneiden und eine klebte auf, um noch fertig zu werden, während der Rest schon die Stühle hochstellte. Aber insgesamt hatten sich alle nicht nur auf dieses komplexe Projekt eingelassen, sondern es mit Freude durchgezogen.
Das ist nicht immer so.
Ich beobachte oft, dass es für viele Kinder sehr schwer ist, ein Projekt fertig zu machen, wenn verschiedene Schritte - wie in diesem Fall - aneinander gekoppelt ODER wenn sich wiederholende Schritte vorhanden sind: erst viel ausschneiden, dann ein geordnetes Aufkleben - Stück für Stück, bis es fertig ist. Besonders für Diejenigen, die feinmotorisch noch nicht versiert sind, geraten solche Projekte ohne eine Direktive zu einer endlosen, sinnentleerten und deshalb frustrierenden Aufgabe. Ich sehe sie regelrecht exzessiv und unkontrolliert das Material verbrauchen, ohne dass es sie weiterbringt. Ich sehe sie die Schere auf den Tisch knallen, die Arme verschränken, die den Mund verziehen. UND ICH HABE VERSTÄNDNIS FÜR SIE. Es ist schwer, Mosaikteile auszuschneiden, wenn die Schere nicht so will, wie sie soll, weil die Hand noch nicht kann, was sie müsste. Es ist frustrierend, viele Mosaikteile herstellen zu müssen, weil es dann noch nicht vorbei ist, weil sie ja dann auch noch aufgeklebt werden müssen. Ich habe das Gefühl, dass dieser Plan meine kleinen Schäfchen um Galaxien von ihrem Ziel entfernt und dass sie deshalb schon am Anfang eine Durststrecke erleben.
Früher habe ich immer gedacht: "Ach, dann halt nicht! Dann mache ich mit ihnen etwas Anderes." Aber mit den Jahren sehe ich ein: es ist kein Grund, das Projekt nicht zu machen. Es bedarf einfach einer anderen Vorbereitung und einer Direktive - auch wenn Kulturämter dieser Welt darauf beharren, dass die Kinder alles selbst machen müssen. Gruppe 2 bekam also Tonzeichenpapierbögen und fertig geschnittene bunte Schnipsel zur Auswahl. Denn zwei Sorten von sich wiederholenden Schritten (Kleinschneiden+Aufkleben) sind eine zu viel. Die Kinder waren schon mit der Auswahl der Vorlage total überfordert, sie konnten ihre Fähigkeiten und die zur Verfügung stehende Zeit nicht richtig einschätzen; sie waren damit überfordert, aus dem Schnipselkörbchen immer dieselbe Farbe herauszufischen, sodass der Apfel blau-pink-lila wurde und die Trauben grün-blau-rot..
Aber das war egal, denn von den vier Kindern entschieden sich zwei Kinder für eine zweite Vorlage UND griffen nach den Papierbögen, um sich ihre Schnipsel selbst zu schneiden.
Wisst ihr, was das bedeutet? Das bedeutet, dass zwei Kinder von vier das Bedürfnis in sich entwickelt haben, weiterzumachen. Und dass dieses Bedürfnis auf einmal so enorm ist, dass die feinmotorischen Hürden überwunden werden können. Und dass die Feinmotorik nicht mehr sinnentleert geübt werden muss. Und dass man ab dieser Stelle nicht mehr nur Konsument ist, sondern auch ein bisschen Produzent - und das ganz aus freien Stücken. Das ist der Punkt, an dem ich merke: meine Arbeit hat sich gelohnt, sie trägt Früchte. Es ist auch mein kleines Erntedankfest.
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