
Zehn Tische stehen großzügig im Raum verteilt - dazwischen zwei Meter Abstand. An jedem von ihnen sitzt tief über die Tischplatte gebeugt ein junger Erwachsener. Die meisten füllen emsig das Arbeitsblatt vor ihnen aus, einige schauen hilflos im Raum umher.
Was nach Klassenarbeit schreiben klingt, ist für viele Schülerinnen und Schüler Alltag, seid die Schulen nach dem Lockdown langsam wieder öffnen. Denn auch hier müssen die Hygieneregeln eingehalten werden, sonst drohen - je nach Bundesland - hohe Geldstrafen. Dass möglichst alle Schülerinnen und Schüler vor Beginn der Sommerferien nochmal in die Schule kommen sollen, darin ist sich die Kultusministerkonferenz einig. Wie dieser Unterricht aufbereitet werden soll, dazu gibt es keine Ideen.
Denn Unterrichten unter Hygienemaßnahmen bedeutet mehr als Abstand halten. Es bedeutet die Abkehr von dem, was modernen Unterricht ausmacht. Gruppen- und Partnerarbeiten können nicht stattfinden. Ein Schüler schreibt mal eben seine Lösung an die Tafel? Auch das wird schwierig. Er muss Kreide berühren und möglicherweise kommt er beim Gang nach vorne seinen Mitschülern zu nahe. Ähnlich sieht es mit Hilfestellungen durch den Lehrer am Platz aus. Von Lerntheken, Stationsarbeit und Planspielen brauchen wir gar nicht anfangen. Eigentlich darf sich - überspitzt formuliert - niemand mehr bewegen, sobald einmal alle Platz genommen haben.
Bleibt also nur noch Frontalunterricht unterbrochen vom stummen Bearbeiten der Arbeitsblätter? Guten Unterricht stelle ich mir anders vor.
Das hat mich dazu bewogen, auf die Suche zu gehen. Auf eine Suche nach Lösungen, die gemeinsames Arbeiten trotz der Einschränkungen ermöglichen. Fündig geworden bin ich im Netz. Digitalisierung im Klassenraum kann hier eine Lösung sein. In loser Abfolge werde ich einige meiner Lösungen in den folgenden Wochen vorstellen.
Schon vor der Krise lag eine Stärke des Internets darin, Zusammenarbeit über Distanz zu ermöglichen. Zahlreiche Kollaborationstools - entwickelt für Unternehmen - lassen Menschen vom anderen Ende der Welt miteinander sprechen und Dateien austauschen. Warum nicht also aich im Klassenraum solche Tools einbinden?
Eine große Herausforderung der ersten Tag war es, in Arbeitsphasen aufkommende Schülerfragen zu beantworten. Die Hygieneregeln erlauben es nicht wie sonst, von Tisch zu Tisch zu gehen und die Fragen direkt zu beantworten. Selbst wenn sich die Schüler melden und diszipliniert warten, bis sie dran genommen werden, bedeutet jede Frage erst einmal Unruhe. Leiser geht es, wenn die Schüler ihre Fragen digitale stellen können: Per Chat.
Datenschutztrechtlich ist es etwas schwierig, einen passenden Anbieter zu finden. Ich arbeite in meinen Klassen mit der Chatfunktion des Schulservers. Das hat den Vorteil, dass hier bereits alle Eltern ihr Einverständnis erklärt haben und die Schüler mit dem Program vertraut sind. Wer keinen Schulserver nutzen kann, sollte darauf achten, dass in dem gewählten Chat keine personenbezogenen Daten abgefragt und gespeichert werden. Im besten Fall geben die Schüler auch nicht ihren echten Namen an. Für solche Zwecke erhält jeder Schüler zu Beginn des Schuljahres einen Nickname von mir. Die vollständige Liste habe ich in meinem Notenheft stehen, sodass ich stets zuordnen kann, wer da schreibt. Für das Netz bleiben sie aber anonym.
Damit trotz Handy-Einsatz und Chat nicht jeder das Gefühl hat, alleine vor seinem Handy bzw. Arbeitsblatt zu sitzen, werfe ich den Chatverlauf parallel per Beamer an die Wand. So haben potentiell alle Schüler die Chance, Fragen und Antworten mitzuverfolgen.
Foto: Forum Bildung Digitalisierung e.V., Katja Anokhina
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