
Mit etwas Abstand sehen manche Dinge ganz anders aus; auch die Rettungsringe, die ich mir in meinem fünfjährigen Schuldienst zugelegt habe. Und damit meine ich nicht die von mir liebevoll genannte „pädagogische Schutzschicht“, die Teil des stressbedingten Schokoladenkonsums ist. Erst mit Abstand erkenne ich eigentlich so nach und nach manche Rettungsringe bzw. Strategien, mit denen ich mich durch stürmische Zeiten manövriert habe. Stürmische Zeiten in der Schule? Das kann alles möglich sein: Herausfordernde Schüler*innen, Eltern, Kolleg*innen, Schulleiter*innen oder ganz einfach auch das Schulsystem, an dessen Grenzen man hin und wieder stößt.
Eigentlich gibt es nur zwei Möglichkeiten, wie du dich in diesen stürmischen Zeiten verhalten kannst: Treiben lassen und nichts tun, oder dir zur Sicherheit einen Rettungsring umlegen der dich, falls der Sturm dich ins Wasser wirft, ganz sanft davor bewahrt, tiefer zu sinken. Manche Leute schaffen es auch, ganz geschickt ihr Segel zu setzen und den Wind zu nutzen aber seien wir mal ehrlich: Bei Orkanböen sollte man sein Segel lieber einholen.
Also sehen wir uns mal meine persönlichen Rettungsringe an:
Sei achtsam!
Du kennst dich selber am besten und kannst ganz sicher auf dein Bauchgefühl vertrauen. Du hast mit dir schon einige Jahre Erfahrung und weißt, wann deine Grenzen erreicht sind oder welche Begegnungen dir neuen Schwung geben. Nutze deine Erfahrungswerte und achte auf dich. Gönn dir ein positives Umfeld und lass es dir gut gehen.
„Nach einem Schultag, der mir viel abverlangt hat und ein vollgepackter Schreibtisch auf mich wartet, gönne ich mir erstmal in meinem Lieblingscafé ein Stück Kuchen und leckeren Kaffee. Die Zeit nutze ich, um mich im Kopf zu sortieren und neue Kraft zu schöpfen.
Sei aufmerksam!
Du hast einen großen Schatz an Erfahrungen, bist ein positiver Mensch und nun kommt dir etwas komisch vor? Merkwürdige Stimmung im Lehrerzimmer oder eine eher kühle Brise im Büro der Schulleitung? Oder bist du schon wieder der Kollege/die Kollegin, die von der Verschiebung der Fachkonferenz nichts weiß? Man soll sich ja eigentlich auf die Dinge fokussieren, die gut laufen - es schadet aber nicht, bei so kleinen, merkwürdigen und unscheinbaren Begebenheiten aufmerksam zu sein. Sei also aufmerksam, wie mit dir (und natürlich auch anderen Kolleg*innen) umgegangen wird. Dann kannst du auch ganz souverän und gestärkt mit der kühlen Brise umgehen.
„In Planungsangelegenheiten ließ man mich gerne mal ahnungslos zurück. Auch auf Nachfrage gab es keine Antwort. Natürlich passiert das mal, aber irgendwann kam es häufiger vor, als mir lieb war. Ich behielt die Situation genau im Auge.“
Sei dir sicher!
Was? Schon das fünfte Mal als Vertretung eingeplant, obwohl andere Kolleg*innen auch zur Verfügung stehen? Aber…war es wirklich schon das fünfte Mal? Glückwunsch - aufmerksam hast du beobachtet, was mit der kühlen Brise passiert. Verhindere Verunsicherungen deinerseits, in dem du dir solche Dinge genau aufschreibst. Das kann auch das unangenehme Gespräch zwischen Tür und Angel in er letzten Mittagspause gewesen sein, oder Dienstanweisungen in mündlicher Form von ganz oben - frisch vom Schreibtisch. Schreib es dir auf, vielleicht auch mit Datum, damit du dir gewiss sein kannst und dein Bauchgefühl sich stärkt. Dann bleibt es nicht nur bei der Vermutung „Ich wurde schon wieder…“ sondern dann weißt du: Es ist Fakt und keine Einbildung.
„Ich war immer noch ahnungslos und nicht ausreichend informiert worden. Auch andere merkwürdige Situationen häuften sich und ich war mich gar nicht mehr so sicher, ob das wirklich so war und vor allem wann. Mich verunsicherte das sehr und mein Selbstbewusstsein geriet ins Wanken. Also habe ich angefangen Tagebuch zu führen und solche Dinge aufzuschreiben.“
Sei Teamplayer!
Aufschreiben kann ganz nett sein; was aber noch viel wichtiger ist: Erzähle anderen Kolleg*innen von deinen Erfahrungen und Erlebnissen. Manch einer wird viellicht sagen, dass du übertreibst oder dir viel zu viele Gedanken machst. Aber der ein oder andere hat bestimmt ein offenes Ohr für dich oder die gleichen Erfahrungen wie du gemacht. Gemeinsam seid ihr stark; aber natürlich nur, wenn ihr euch auch gegenseitig davon erzählt und eure Erfahrungen teilt.
„Mobbing? Gibt es bei uns an der Schule nicht - schon gar nicht unter Kolleg*innen.“ Und trotzdem hatte ich das Gefühl, dass im Lehrerzimmer die Stimmung merkwürdig ist. Nach Gesprächen mit einer Kollegin stellte ich fest, dass auch sie schon bemerkt hat, dass irgendetwas nicht stimmt. Was für eine Erleichterung, denn ich war mit meinen Gedanken nun nicht mehr alleine und hatte eine Verbündete.
Sei vorbereitet!
„Kommen Sie bitte nach dem Unterricht in mein Büro.“ Schlackern dir bei dem Satz schon die Ohren und deine Knie werden weich? Das muss nicht sein. Auf solche Situationen kannst du dich auf Grund deiner zuvor erworbenen Rettungsringe gut vorbereiten. Kam es schon häufiger vor, dass du einfach so ins Büro gebeten wurdest und es gab Ärger? Hast du das letzte Mal gedacht, dass es bestimmt um das gelungen Theaterstück deine Klasse geht und eine ordentliche Portion Lob auf dich wartet? Umso größer die Enttäuschung. Andererseits macht es natürlich auch etwas mit deiner Haltung, wenn du von Beginn an negativ und angespannt in so ein Gespräch geht. Fühl nochmal nach, wie es dir beim letzten Mal in der Situation ergangen ist: Wie hast du dich gefühlt? Wie war deine Körperhaltung? Hast du gestanden oder gesessen? Und jetzt der Blick nach vorne: Wie soll so eine Situation in Zukunft ablaufen? Du kannst nämlich mit deiner inneren und äußeren Einstellung die Situation für dich entscheidend und positiv beeinflussen.
„Jedes Mal, wenn ich ausgerufen wurde, wusste ich natürlich nicht, worum es geht. Abgesehen davon, dass in der kurzen Pause eigentlich sowieso keine Zeit für ein Gespräch war. Oft kam ich wie ein begossener Pudel aus solchen Überraschungsdates im Büro des Schulleiters. Für das nächste Mal überlegte ich mir mit allem zu rechnen und legte mir verschiedene Sätze und Reaktionen zurecht, mit denen ich selbstbewusst und professionell wirken wollte. Einfacher wurden solche Gespräche dadurch nicht; aber mir ging es hinter her deutlich besser.“
Welche Rettungsringe haben dich schon in stürmischen Schulzeiten begleitet?
(Bild zum Blogpost erstellt mit Canva)
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