Aussehen, Religion und Herkunft - in der Bildung irrelevant?


Ich habe schon immer von einem Leben geträumt:

ein Leben ohne Vorurteile, keine Schubladen, keine Diskriminierung.

Ein Leben, wo Aussehen, Religion und Herkunft nicht wichtig sind.

Ich habe selbst in meinen Vorurteilen gelebt. Ich wollte auch wie mein bester Freund einen Hund haben, abends mit dem Hund Gassi gehen. Rührei mit Speck essen. Alle meine deutschen Freunde fuhren in den Urlaub, bei mir war es jedes Jahr Marokko. „Was für ein Glück“ denken andere. Lange habe ich mir nichts dabei gedacht. Als kleines Kind hörte ich nicht auf, Fragen zu stellen. Ich wollte verstehen, warum wir anders sind. „Können wir auch mal zelten?“ „Warum gehen wir nicht in eine Kirche?“ „Am Schwimmunterricht nicht teilnehmen?“ „Warum kann ich nicht mit, wenn alle anderen aus meiner Klasse zusammen Urlaub machen?“ „Nicht mal ins Freibad?“ Aber warum?

Auf der anderen Seite wurden auch mir Fragen gestellt. Fragen, auf die ich doch selber keine Antworten hatte. Teilweise fühlte ich mich als Repräsentant einer Religion oder einer Kultur, obwohl ich doch selber keine Ahnung hatte. Wenn es um den Islam im Unterricht ging, haben mich alle angeschaut. Ich weiß nicht, ich muss sagen, ich hatte leider nicht das Glück, andere Kinder aus muslimischen Haushalten bei mir in der Klasse zu haben. Es wäre vielleicht einfacher gewesen, auf diese Fragen zu antworten.

Deswegen hörte ich auf, meine Eltern zu fragen. Ich akzeptierte die Situation und fing an zu träumen. Von einer Gesellschaft, wo es egal ist, wo Du herkommst, wie Du aussiehst, wie arm oder reich Du bist. Als ich dieses Projekt von #WIRFÜRSCHULE entdeckt habe, war genau diese Erinnerung an damals mein erster Impuls. Und dann auch mein zweiter und ich habe nach langem Überlegen entschieden, Dir, dem Leser oder der Leserin meines Posts zu erzählen, dass ich von einer Schule träume, in der das Aussehen keine Rolle spielt. Das ist der Grund dafür, warum auch der Kanal mathmitfranz anonym ist. SuS können mich anschreiben und mit mir über Matheprobleme schreiben. Sie wissen in dieser Situation nicht, wie der Nachhilfelehrer aussieht - und das ist ja auch wirklich irrelevant. Und ich würde jetzt mal ganz provokativ behaupten: es klappt auch gut. Die SuS lernen und bilden sich weiter, obwohl sie weder Aussehen noch irgendwelche Informationen über mich kennen. Ist das in der Schule auch denkbar?

Meine Meinung: Nein! Absolut nicht. Und ganz im Gegenteil: ich brauche die Gesichter meiner SuS, um unterrichten zu können. Die Aha-Momente, die ich bei den SuS auf Instagram sehe, sind bei Weitem nicht so schön wie die Aha-Momente meiner SuS im Unterricht. Und vor allem die Gespräche mit den SuS im Flur oder auch gar im Unterricht können für eine positive LS-Beziehung sorgen.... diese positive Beziehung ist definitiv wichtig, um Spaß dabei zu entwickeln, sowohl den Unterricht für eine Klasse zu planen als auch anschließend durchzuführen. :) 

Was ich mir eher durch diesen Post erhoffe, ist folgende Bitte - zuerst an mich, dann an uns alle :) 

Ich möchte als Gymnasial-Lehrer nicht mehr in Schubladen denken. Wenn ich sehe, dass jemand Migrationshintergrund hat, will ich nicht mehr denken: "Wow, Du bist auch hier" "Toll integriert!" oder auch nicht "Oh seine/ihre Eltern sind bestimmt auch voll gebildet"... nein, ich träume wirklich von einer Gesellschaft, wo dieser Migrationshintergrund nicht mal auffällt. Ich möchte nicht mehr geschockt gucken, wenn ich bei der Tagesschau einen schwarzen Journalisten sehe... ich möchte nicht mehr denken: "oh, ich gehöre zu der Minderheit der Lehrkräfte in Deutschland, die Migrationshintergrund mitbringen."

Und genauso wie damals als Schüler vor meiner Klasse stehe ich auch heute als Lehrer vor meiner Klasse. Ja sogar mitten im Lehrerzimmer... und da ist wieder die gleiche Frage wie damals... "Hey, Du bist doch Muslim, was sagst Du eig dazu?" Und schon wieder bin ich wieder in der gleichen Situation: zwischen Rechtfertigen und Erklären.

Und es ist ja nichtmal so, als würde man nur wissen wollen, wie Marokko im Sommer so aussieht... Immer wieder befinde ich mich in einem Dialog mit jemandem, dem ich meine Meinung zum "Kopftuch" geben soll... oder wie das mit dem IS genau ist... und was ich als Muslim dazu sage, dass eine Muslima als Imamin in Berlin eine Moschee gegründet hat und dass da Männer und Frauen gemeinsam beten. Ich frag mich nach solchen Diskussionen immer wieder, was eig. mein Gegenüber hören wollte. Aber Fakt ist doch sicherlich, dass ich ein Laie in diesen Themen bin. Ich habe doch keine Theologie studiert.. Und habe doch keine Argumente oder wissenschaftliche Recherchen getrieben, um Dir meine Meinung zu sagen.

Ich habe mich auch immer wieder gefragt, ob ich ein cooler Muslim wäre, wenn ich einfach Alkohol trinken würde. Ich bin mir sicher, dass da relativ Viele schnell meine Religion akzeptieren könnten - ich wäre dann sowas wie ein "moderater Muslim".. oder? sind wir mal ehrlich. Oder zumindest jemand, der seine Religion nicht ernst nimmt. 

Aber warum diese Schublade?. Vielleicht denke ich selber in Schubladen - und all das ist nur eine Illusion bzw. eine Projektion.

Das wäre auch wirklich toll! Ich würde sehr gerne damit aufhören! Denn es ist anstrengend! Und es raubt sehr viel Energie! 

Was mich nach all den Jahren eig. am Traurigsten macht, ist die Tatsache, dass ich im Ausland nicht als Deutscher angesehen werde... und Schuld daran sind definitiv zwei sichtbare Faktoren: meine Hautfarbe und meine Haare... Nach einigen Monaten in Québec hat man mich zwar als Franzose akzeptiert - da gibt es ja viele Ausländer - aber dass ich Deutscher sei? Ne Wo sind die blonden Haare, blauen Augen? Einige waren sogar erst mit meiner Präzision, dass meine Eltern aus Marokko stammen -  befriedigt - ja gar erleichtert. Ok, von mir aus. Wenn es Dich glücklich macht.

Ich bin mir sogar sicher, dass Du LeserIn auch keine blonden Haare und blauen Augen hast, oder doch? :)

Ja, diese Schubladen sind anstrengend. Und um genau nicht in eine Schublade gesteckt zu werden, kam es sehr oft - wenn nicht mittlerweile zu oft zu der Situation - dass ich mein Handy aus der Hosentasche herausgeholt habe und beim Betreten der Straßenbahn angefangen habe, zu telefonieren. Auf deutsch. Mit niemandem. Einfach mit mir selbst. 

Um jeder Person in der Bahn zu zeigen und ihn davon zu überzeugen: "ich bin auch Deutscher, alles easy."

Ja, alles easy!


Wie auch immer: 

Ich habe schon immer von einem Leben geträumt: 

ein Leben ohne Vorurteile, keine Schubladen, keine Diskriminierung.

Ein Leben, wo Aussehen, Religion und Herkunft nicht wichtig sind.

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