
Das Thema „Leistungsbewertung“ wird erwähnt und ich könnte mich augenblicklich in Rage reden. Irgendwo zwischen Aussagen wie „Ohne Druck lernen DIE doch nichts“ und „Aber Kinder WOLLEN doch Rückmeldungen“ haben wir offenbar vergessen, warum wir eigentlich Schule machen. Irgendwas mit „Lernen“ und „Bildung“, richtig?
Das Thema ist natürlich komplex. Wenn wir die Leistung von SchülerInnen bewerten, hat das ganz unterschiedliche Gründe und Motive. Eine Lernstanddiagnose kann nicht gleichgesetzt werden mit vierteljährlichen Klassenarbeiten. Manches haben aber so gut wie alle Bewertungen durch Lehrpersonen gemeinsam:
Insbesondere den letzten Punkt empfinde ich als hochproblematisch. Stellen Sie sich vor, die SchülerInnen verlassen die Schule mit folgender Einstellung: „Lernen ist anstrengend, langweilig und blöd. Ich lerne nur, wenn ich muss. Ich lerne, um einen guten Abschluss zu haben und um eine gute Stelle zu bekommen. Ich würde nie freiwillig lernen.“
Das wäre tragisch, richtig? Genau diese Einstellung fördern wir aber, wenn wir „teaching to the test“ praktizieren, alles Lernen in Leistungsbewertungen münden lassen und Druck durch anstehende Notenvergabe als Motivationsinstrument rechtfertigen.
Anstatt nun die Tragik der oben aufgeführten Punkte im Detail auszubreiten, möchte ich gleich dazu übergehen, eine Vision zu malen. Sie wird weitere Erklärungen obsolet werden lassen.
Die Vision von einer Schule ohne Leistungsbewertung
Stellen Sie sich vor, wir hätten eine Schule ohne Leistungsbewertung. Ja, so völlig ohne. Nicht nur keine Noten. Auch keine Verbalbeurteilungen, keine Feedbackraster, nichts. Was würde sich ändern? Einige SchülerInnen würden durchatmen. Manche würden sich weigern, zu „lernen“. Man kann natürlich nicht nicht lernen, wir lernen alle, ständig, ob wir wollen oder nicht. Sie würden sich aber weigern, aktiv am Unterricht teilzunehmen. Würden sich weigern, bestimmte Arbeitsblätter auszufüllen, bestimmte Aufgabenstellungen zu bearbeiten. Und das wäre ihr gutes Recht. Damit signalisieren Sie: Dieses Thema interessiert mich nicht. Ich erkenne die Relevanz für mein Leben nicht. Vielleicht auch: Ich fühle mich damit überfordert. Oder: Ich habe gerade besseres zu tun. Und das wäre alles völlig in Ordnung. Denn: Kein Mensch sollte gezwungen werden, etwas zu lernen, das er weder als interessant NOCH als relevant erachtet. Das hätte dann nämlich mit wirklichem „Lernen“ auch nicht viel zu tun. Lernen geschieht aus einem eigenen, innerlichen Antrieb heraus. Aus der Begeisterung für eine Thematik.
Und die Lehrpersonen? Die hätten auf einmal nur noch die Kinder im Unterricht sitzen, die sich wirklich für das Thema interessieren. Das wäre doch mal was! Dabei dürfte es aber natürlich nicht bleiben. Überall im ganzen Bildungssektor würden nun die Köpfe rauchen, um Ideen zu generieren, wie man die SchülerInnen denn dazu bewegen könnte, zu lernen. Jetzt, da der ganze Druck von außen wegfällt. Ich stelle mir Schule als einen Ort vor, der einlädt und anregt und Lernen in all seinen Facetten initiiert. Da müsste ganz schön viel passieren – aber darüber schreibe ich an anderer Stelle.
Mit ohne Abschlusszeugnis
Was bedeutet das für die Unternehmen, Betriebe und Hochschulen, bei denen sich Jugendliche und junge Erwachsene ohne Abschlusszeugnis bewerben? Ganz ehrlich: So viel würde sich da nicht ändern. Häufig gilt doch: Je innovativer das Unternehmen, desto weniger Wert wird auf Abschlusszeugnisse gelegt. An die Stelle von Abschlusszeugnissen treten Motivationsschreiben, Bewerbungsgespräche, auf das Unternehmen/ den Studiengang zugeschnittene Auswahlverfahren, Assessment Centers und so weiter. Das Prinzip ist denkbar einfach: Die Verantwortung für die Entscheidung über die Eignung und Qualifikation von Bewerbern wird also denjenigen übertragen, die das am Besten beurteilen können: Den Stellen und Einrichtungen, an denen die Jugendlichen sich bewerben.
Aber durch was ersetzten wird denn nun die Leistungsbewertung?
Lassen wir die Kinder etwa machen, was sie wollen, wann sie wollen, wie sie wollen… - ohne das in irgendeiner Weise zu dokumentieren? Und, um eine der eingangs zitierten Fragen aufzugreifen: Wollen Kinder nicht von sich aus eine Rückmeldung zu dem, was sie tun? Die erste Frage lässt sich nicht so leicht beantworten, solange nicht klar ist, wie genau die Schule von morgen aussehen wird. Was ich mir vorstellen könnte, wäre eine Art Portfolio, das die Kinder ihre gesamte Schullaufbahn hindurch begleitet. Arbeiten die Kinder in Projekten? Dann wäre es möglich, einen Projektbericht im Portfolio abzuheften. Absolvieren die Kinder einen Lehrgang? Dann bekommen sie eine Teilnahmebestätigung ausgestellt, die im Portfolio landet. Engagieren sich die Kinder für die Schul- oder Dorfgemeinschaft? Dann erhalten sie ein Zertifikat, das ihren Einsatz dokumentiert. Ich stelle mir vor, dass die Kinder stolz auf ihr Portfolio sind. Und dass dieses Portfolio wirklich die Interessen und Leidenschaften und Stärken und Talente der Kinder widerspiegeln.
Zeig mir, was ich kann
Aber was ist denn nun mit den Kindern, die sich eine Rückmeldung wünschen? Zunächst einmal finde ich es wichtig, herauszufinden, was genau diese Kinder wollen und brauchen. Wollen sie tatsächlich bewertet werden? Wollen sie hören, dass sie etwas gut gemacht haben? Möchten sie vielleicht einfach nur gesehen werden in dem, was sie leisten und tun? Brauchen sie eine Rückversicherung, dass sie fachlich-inhaltlich auf dem richtigen Weg sind? Hier wird deutlich, dass die „Abspeisung“ mit einer Ziffernnote den Bedürfnissen des Kindes kaum gerecht werden kann. Selbst handschriftliche Kommentare oder schriftliches Feedback verfehlen leicht ihr – gut gemeintes – Ziel. Wünscht sich das Kind Anerkennung für seine Anstrengungen, helfen ihm Verbesserungsvorschläge wenig. Braucht das Kind Impulse zur Weiterarbeit, wird ein freundliches, aber letztlich oberflächliches „Gut gemacht, weiter so!“ seinen Bedürfnissen nicht gerecht.
Feedback und Rückmeldungen können, sofern gewünscht, im Lernprozess eine wichtige Rolle spielen. Allerdings vor allem dann, wenn sie unmittelbar erfolgen (Gegenbeispiel: Der Test, der erst drei Wochen später zurückgegeben wird, wenn die Lerngruppe sich längst mit nächsten Thema beschäftigt) und dabei der direkte Dialog mit dem Kind gesucht wird. Im direkten Kontakt hat kann man auch die wunderbare Möglichkeit nutzen, das Kind zu ermutigen, seine Leistung selbst zu reflektieren. Indem wir Bewertung hierarchisch von oben nach unten fließen lassen, machen wir die Kinder letztlich abhängig von Fremdbeurteilung. Das Ziel sollte aber vielmehr sein, die Kinder zu befähigen, ihren eigenen Lernprozess zu reflektieren und ihre Fortschritte realistisch einschätzen. Das ist daher besonders wichtig, da letztlich KEINE andere Person besser als das Kind selbst weiß, wie sehr es sich tatsächlich angestrengt, wie viel Zeit es investiert und wie weit es dabei gekommen ist (was nicht bedeutet, dass die Selbsteinschätzung immer realistisch erfolgt – genau das gilt es, zu üben). Es kann außerdem der ganzen Lerngruppe dienen, wenn die Kinder trainieren, sich gegenseitig freundliche und konstruktive Rückmeldungen zu geben.
„Aber ohne Druck lernen die doch nichts...“
Kinder kommen als ungemein lernfreudige und neugierige Wesen zur Welt. Dass ihnen diese wunderbaren Gaben verlorengehen, kann verschiedenste Ursachen haben. Nun sind Lehrpersonen keine Lerntherapeuten, keine Sozialpädagogen, keine Psychiater. Trotzdem kann und darf es keine Lösung sein, ein Kind, das seine natürliche Lernfreude verloren hat, einfach zu ZWINGEN oder mit Druck und Angst dazu zu bringen, etwas zu tun, das ihm widerstrebt. Auch nicht gerechtfertigt durch das höhere Ziel, dass das Kind fürs Leben lernt. Wie können wir uns anmaßen, zu wissen, was genau dieses Kind für sein Leben benötigt? Wir wollen, dass unsere Kinder lernen, und sie sie lernen, wenn wir sie zwingen, nur vielleicht nicht das, was wir wollen. Sie lernen, sich zu drücken und sich durchzumogeln, wo es eben geht. Sie lernen, dass der Zweck die Mittel heiligt und das Gewalt offenbar doch ein „go“ ist. Sie lernen, dass sie selbst – ihre eigenen Interessen und Befindlichkeiten – nicht ernst genommen oder respektiert werden. Sie lernen vielleicht, einfach zu gehorchen und vielleicht, dass es ok ist, andere fremden Interessen zu unterwerfen. Und mit etwas Glück bleibt auch noch ein wenig vom Schulstoff hängen. Für kurze Zeit.
Welche Mittel bleiben uns, wenn Angst und Druck und Zwang wegfallen? Ein positiver, vertrauensvoller Blick aufs Kind. Unsere umwerfende Freundlichkeit. Unsere Begeisterung für die Sache, die im besten Fall ansteckend wirkt. Viel, viel Geduld. Ehrliches, tief empfundenes Interesse am Kind. Der Wunsch, das Beste in ihm zum Vorschein zu bringen. Und eine Haltung, die dem Kind vermittelt: Du als Kind, du als Mensch hast einen Wert, der völlig unabhängig ist von der von dir erbrachten Leistung. Du bist gut, so wie du bist. Vielleicht lernt ein Kind, das so behandelt wird, nicht ganz so viel von dem, was wir aus Erwachsenenperspektive als scheinbar objektiv lernenswert empfinden. Dafür hat es vielleicht gelernt, sich selbst anzunehmen. Hat gelernt, wie gut Freundlichkeit und Zutrauen sich anfühlt. Vielleicht könnte das mal jemand in den Bildungszielen ergänzen…
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