Unterricht von zuhause - TOP 7 Fallstricke

Wie erreiche ich meine Schülerinnen und Schüler trotz Schulschließung?


Spätestens seit klar ist, dass die Schulen auch über die Osterferien hinaus für die meisten Klassen geschlossen werden, stellt sich diese Frage. Arbeitsblätter hochladen und von den Schülern bearbeiten lassen, erfüllt zwar seinen Zweck - dennoch geht dabei vieles verloren, was den normalen Unterricht ausmacht: Interaktion, Diskussion, sich selbst einbringen. Oder auch nur die Aufgaben Schritt für Schritt in der von uns Lehrern oft mühsam geplanten Reihenfolge bearbeiten statt bunt zwischen aufeinander aufbauenden Aufgaben zu springen. So habe ich die große Herausforderung versucht als Chance zu sehen und bin auf die Suche nach möglichen Vorteilen digitalen Lernens gegangen. 

Die Suche fiel mir gar nicht so schwer, habe ich doch schon einige Fortbildungen zum Thema Lernen mit dem Tablet besucht und in meiner Studienzeit überwiegend online Fremdsprachenlernen gecoacht. So hatte ich bereits nach zwei Wochen einen bunten Strauß an Apps, Programm und Websites, mit denen ich hoffentlich das meiste aus dem Onlineunterricht für meine Schüler herausholen konnte. Hätte ich da nicht den ein oder anderen Fallstrick übersehen...

Von fehlender technischen Ausstattung bis zum Streit ums WLAN 

An dieser Stelle möchte ich diese Fallstricke mit euch teilen. Vielleicht seid ihr bereits in das ein oder andere Fettnäpfchen getreten. Oder ihr wundert euch, warum trotz aufwendig gestalteter Online-Lernumgebung nichts von den Schülern zu hören ist. Hier ist also meine Sammlung der

TOP 7 Fallstricke beim Homeschooling (selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit): 

  1. Es gibt zuhause zwar WLAN, die Leitung ist aber unglaublich langsam. Wenn das Kind nicht gerade ein passionierter Online-Spieler ist, ist es in vielen Haushalten ausreichend, eine langsame Internetleitung zu haben. Für Suchmaschinen oder die Reisebuchung reicht das problemlos aus. Sollen sich aber zwei Geschwisterkinder gleichzeitig einen Film ansehen, dann bricht die Leitung zusammen und nichts geht mehr - Streit ist also vorprogrammiert. 
  2. Es gibt nur einen Computer im Haushalt. In Zeiten ohne Corona ist ein Computer für viele Familien absolut ausreichend, gerade wenn die Kinder noch jünger sind. Wenn nun aber alle - Mama im Home Office, die kleine Schwester und der Schüler selbst - ihr gesamtes Arbeitspensum am Computer bearbeiten müssen, dann führt auch das zu Problemen. Da müssen nicht einmal zwei Video-Konferenzen zur gleichen Zeit angesetzt sein. Es reicht schon, wenn die Lehrer beider Kinder die Aufgaben nur als abgetipptes Dokument akzeptieren. 
  3. Die Schülerinnen und Schüler lernen am Handy. Das ist meist die Lösung, wenn Punkt 2 zutrifft. Die Kinder rufen dann die Seiten auf ihrem Handy auf und versuchen die Aufgaben so zu lösen. Gerade kleinteilige Arbeitsblätter mit geringer Schriftgröße oder detailreichen Abbildungen sind auf den Handybildschirmen kaum zu lesen. (Einige Fehler meiner Schüler haben tatsächlich daraus resultiert). 
  4. Davon ausgehen, dass alle problemlos ein Word- oder pdf-Datei einreichen können. Voraussetzung Nummer 1 ist dafür der Computer. Dazu habe ich bereits oben meine Anmerkungen gemacht. Doch selbst wenn der Schüler unbegrenzt Zugriff auf einen Computer hat, heißt das noch lange nicht, dass er Dateien ordentlich benennen und abspeichern, geschweige denn für den Upload wiederfinden kann. Auch wenn man von digital natives ausgehen will - mit Textverarbeitungsprogrammen haben viele Schüler Schwierigkeiten. 
  5. Das Schulbuch ist in der Schule geblieben. Eigentlich gibt es nichts, worüber man sich noch wundern sollte. Ich mache es trotzdem. Obwohl wir allen Schülern eingeschärft haben, alle Schulsachen vor der Schulschließung aus den Fächern zu räumen und mit nach hause zu nehmen, haben erstaunlich viele meiner Schäfchen ihre Bücher in der Schule vergessen. Gerade in der ersten Woche habe ich unzählige Mails beantworten müssen, in denen ich gefragt wurde, wie man die Aufgaben aus dem Buch ohne Buch lösen soll. 
  6. Zeitmanagement und Selbstorganisation sind Fremdwörter. Vielleicht liegt es daran, dass ich an einem Gymnasium unterrichte. Der Schulform wird ja nachgesagt, die Schüler zu weniger Eigenständigkeit zu erziehen  als andere Schulformen. Eigentlich gebe ich auf solche Klischees nicht viel. Aber in den letzten Wochen ist mir klar geworden: Selbstorganisation und Zeitmanagement sind für viele meiner Schüler ein Fremdwort. Viele haben mir nach der ersten Woche geschrieben, dass sie den Überblick über Aufgaben und Fächer verloren haben und gar nicht mehr wissen, was sie wann und wie erledigen sollen. 
  7. Glauben, dass die Schüler zuhause genauso viel schaffen wie in einer regulären Stunde. Wir Lehrer geben uns ja gerne der Illusion hin, dass in unserem Unterricht 45, 60 oder 90 Minuten lang nur konzentriert gearbeitet wird. Wenn wir mal ehrlich sind, ist das nicht immer der Fall: Da geht Zeit für das Zusammenfinden in Gruppen drauf, man wartet, bis alle Schüler ihr Material erhalten haben oder muss vor Unterrichtsbeginn Klassenprobleme klären. Das ist auch gut so, denn niemand - auch der beste Lehrer nicht - kann sich 90 Minuten am Stück voll konzentrieren. Warum erwarten wir das dann von unseren Schülern im Homeschooling? 90 Minuten geplante Homeschooling-Arbeit enden dann in tagelangen Arbeitssitzung mit ziemlich viel Frust. 

Fallstricke entschärfen

Ich habe das Glück, eine sehr offene 8. Klasse zu unterrichten. Meine Schüler sind gut darin, konstruktive Kritik zu geben, sodass wir gemeinsam ein paar Ideen für das Onlinelernen entwickeln konnten (übrigens in Videochats und per Online-Umfrage). Die ersten Ideen haben ich schon vor den Osterferien umgesetzt. Das was gut läuft, möchte ich mit euch teilen. Nachmachen erwünscht:

  • Aufgaben als Foto einsammeln. Ja, es ist deutlich schwieriger, jpg-Dateien zu korrigieren, Kommentarfunktionen gibt es anders als in word nicht. Laut meiner Schüler ist es eine enorme Erleichterung, wenn sie die Aufgaben per Hand bearbeiten können und ein Foto (meist mit der Handy-Kamera) aufnehmen und versenden. 
  • Aufgabenstellungen (auch) auf Websites anbieten, die mobil optimiert sind. Das Anzeigeproblem (Punkt 3) lässt sich lösen, indem man die Aufgaben und Grafiken auch auf Seiten anbietet, die sich an die Bildschirmgröße anpassen. Es gibt einige Anbieter wie wakelet und padlet, die kostenlos sind und auf die die Schüler ohne Anmeldung zugreifen können. Bei Abbildungen das Urheberrecht nicht vergessen ;) 
  • Online-Angebote der Verlage nutzen. Viele Verlage bieten ihre e-books in der Schulschließung zu geringeren Preisen oder kostenlos an. Das ist eine Lösung für das vergessene Schulbuch, das sein Dasein im Spint fristet. 
  • 80-20 Regel beachten. Es bietet sich an, etwa 80 Prozent der eigentlichen Stundenzeit als Arbeitszeit für die Schüler zuhause einzuplanen. Die anderen 20 Prozent der Zeit werden nicht verplant. So wird Überlastung vermieden. Außerdem kann mit den Schülern vereinbart werden, dass sie eine Aufgabe nach einer bestimmten Zeit abbrechen dürfen und den Lehrer per Mail informieren. 
  • Tutorials anbieten. Wie erstelle ich ein Word-Dokument und wo finde ich es nach dem Speichern? Wie kann ich eine pdf-Datei aus  mehreren Dokumenten zusammenstellen? Wo finde ich Sonderzeichen in meinem Schreibprogramm? Den Schülern kurze Anleitungen oder sogar Erklärvideos anzubieten (das Netz ist voll davon, man muss nicht unbedingt selbst tätig werden) ist zwar auf den ersten Blick mehr Arbeit, hilft langfristig aber enorm. 
  • Zeitmanagement-Tools vermitteln. Den Schülern das ein oder andere Werkzeug in Sachen Zeitmanagement zu vermitteln kann sicherlich nicht schaden. Arbeitsblätter findet ihr in Kürze auf meinem Profil oder hier (kostenloses Lernplakat mit Tipps zum Zeitmanagement) und hier (Vorlage für einen Zeitplan, kompatibel mit Lernplakat).  

Welche Erfahrungen habt ihr mit den unerwarteten Fallstricken des e-Learnings gemacht? Und welche Lösungen funktionieren in euren Lerngruppen?

Foto-Credits: Barrier - Bart Maguire CC-Lizenz by-nc-nd über flickr.

Tags: #Homeschooling, Digital unterrichten, Corona Ferien

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