Der endlose Tango der deutschen Rechtschreibung


Beim Thema Rechtschreibung bemerkt man bei vielen Kindern und auch Erwachsenen ein deutliches Unbehagen. Die Erfahrung zu machen, etwas nicht richtig schreiben zu können, kann schon bei den Kleinsten zu großer Frustration führen. Mit jedem verstreichenden Lebensjahr wird es unangenehmer, sich dabei zu erwischen - oder noch viel schlimmer, von jemand anderem erwischt zu werden - wie man einen peinlichen Rechtschreibfehler macht. 

Aber ganz ehrlich: Man muss auch mal zugeben, dass die deutsche Sprache wirklich nicht leicht zu verschriftlichen ist. Unsere Grammatik allein ist ja schon eine Tortur. Aber das genügt wohl noch nicht, nein: lasst uns auch noch die Schreibung unnötig verkomplizieren! Großschreibung allein verursacht den meisten schon Kopfzerbrechen: Es ist mit Abstand die größte Fehlerquelle bei Schülern. Ich bin bei diesem Thema klar derselben Meinung wie schon Jakob Grimm 1845: „wer große buchstaben für den anlaut der substantive [schreibt], schreibt pedantisch.“ Auch bei Bauhaus 1925 war man sich einig: „warum großschreiben, wenn man nicht groß sprechen kann?“ 

also werde ich in meinem artikel von hier an - als kleine hommage an meine verbündeten - auf großschreibung verzichten, auch wenn mich meine autokorrektur unermüdlichen mit verbesserungsvorschlägen quälen wird. 

du wirst schnell merken: es stört beim lesen überhaupt nicht! man kann, im gegensatz zu falscher kommasetzung, weder den inhalt missverstehen, noch erschwert es den lesefluss. ich knntöe sgaor die bcuhsatben vllöig druhceninaedr bniregn und du knnötset torztedm wietrelsen. 

uns3r g3h!rn !5t zu v3rrück+3n d!ng3n fäh!g, od3r?

wieso brauchen wir dann eine rechtschreibung, die sogar uns deutschlehrer an den rand des wahnsinns treibt? etwa bei den regeln zur getrennt- und zusammenschreibung. ich kann wortzusammensetzungen erfinden, die in keinem wörterbuch zu finden sind und sie trotzdem richtig schreiben? zum beispiel kann ich davon berichten, wie der letzte orkan mein gewächshaus zerstört hat und mich wie folgt benennen: ich bin sturmgeplagt. es gibt den begriff leidgeplagt, also kann ich folglich auch einen, vom sturm geplagten, als sturmgeplagt bezeichnen. vielleicht liest du es zwischen den zeilen: es herrscht eine hassliebe zwischen mir und meiner sprache. auf der einen seite liebe ich die präzision und die gleichzeitige flexibilität. die deutsche sprache ist lebendig und wild. auf der anderen seite messerscharf und gemeingefährlich. wir haben worte, die man in anderen sprachen mit mehreren sätzen erklären muss und sogar die dominante englische sprache davor kapituliert und sie einfach ohne widerworte übernimmt: doppelgänger, gedankenexperiment, gesamtkunstwerk, heiligenschein, kummerspeck, schadenfreude oder zeitgeist.

aber gleichzeitig quälen wir unsere kinder damit, sie fehlerfrei schreiben zu müssen und verhindern oft, dass sie überhaupt lernen, sich für die sprache zu begeistern. wie reinhard mey schon davon sang, dass er als schüler immer wieder kläglich versagte und unter dem rotstift seiner lehrer furchtbare qualen litt (was ich selbst auch am eigenen leib spüren musste), - obwohl er doch ein unbestrittener meister unserer sprache ist. 

es beruhigt mich deshalb sehr, wie er sein lied darüber beendet:

ich schreib' heute noch wie django!

schreib' ohne bevormundung.

trotze dem endlosen tango

der deutschen rechtschreibung.

Ich hab' nur glück, dass ich heut' singe,

und somit ungelesen bleib':

ihr wisst von mir 1.000 dinge -

aber nicht, wie ich sie schreib'!

auch wenn wir als lehrer uns und unsere schüler nicht von dieser last befreien können, können wir sie doch gemeinsam tragen. vielleicht wäre es eine emphatische geste der aufmerksamkeit, dieses lied einmal mit den eigenen schülern zu hören und ihnen raum zu geben, ihr leid zu klagen. seinen sorgen luft zu machen, kann so heilsam sein und gleichzeitig die klassengemeinschaft und das wir-gefühl (vor allem auch uns lehrer eingeschlossen) kräftigen.




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Tags: #Rechtschreibung, Empathie, Angst- und Mutgeschichten, Deutsche Sprache, Fehlerkorrektur

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