Lernen, sein Schäufelchen zu teilen


Unsereins erinnert sich noch lebhaft an die vielen, viele Stunden vor dem Schreibtisch im Kinderzimmer, in denen wir versuchten mit aller Gewalt Worte, Formeln und Inhalte in unser Gehirn zu prügeln. Ich muss zugeben, dass ich an diesem Vorhaben oft scheiterte.

Erst die Verzweiflung: "Ich schaff das nicht. Ich bin zu blöd. Ich bin zu ungeduldig. Ich bin zu faul. Ich gebe mir ja gar keine Mühe!"

Darauf die Wut: "Warum soll ich diesen Quatsch überhaupt lernen? Das werde ich NIEWIEDER brauchen! Diese Lehrer wollen uns nur quälen!“

Dann kämpfen Durchhaltevermögen und Kapitulation mit voller Inbrunst, als ginge es um Leben und Tod. Mal gewinnt der Eine, meist aber der Andere. 

Sind wir uns bei unseren Schülern über diese erbitterten 

täglichen Kampf wirklich im Klaren?

Ich muss zugeben, dass ich meine Erfahrungen mit dem Lernen oft nicht mit ins Klassenzimmer bringe, zumindest nicht bewusst. Ich habe oft das Gefühl, der Grund für diese Misere ist eine kunterbunte Mischung aus Verdrängung meiner unschönen Erfahrungen, meiner Ungeduld mit und mangelnder Empathie gegenüber 'schlechten' Lernern und dem allzu vertrauten Gevatter Stress - dieser unangenehm aufdringliche Zeitgenosse mischt sich doch wirklich in jede Angelegenheit. Macht der eigentlich nie Urlaub?

Zufriedengeben will ich mich mit dieser Tatsache aber nicht so leicht. Also:

Denkmaschine angeworfen und in Erinnerungen gewühlt. Biografische Selbstreflexion klingt zwar nach 'schreiend aus dem Zimmer rennen wollen', aber muss ja nicht gleich tiefenpsychologische Analyse bedeuten. Es ist, wie ich finde, eine wahnsinnig hilfreiche Methode, um frischen Wind durchs Klassenzimmer wehen zu lassen. Nebenbei stärkt es automatisch mein Einfühlungsvermögen: Ich projiziere nicht weiter unbewusst meine schlechten Erfahrungen oder meine Versagensängste in die Situationen mit meinen Schülern und werde dadurch zum selben Monsterlehrer, den ich selbst verabscheut habe. Nein, ganz im Gegenteil: Ich nutze bewusst meine Problemlösestrategien, die ich mir im Laufe der Zeit angeeignet und entwickelt habe, um etwas Sinnvolles damit zu tun:

meinen Schülern einen Teil dieser Wachstumsschmerzen zu 

nehmen oder sie wenigstens etwas zu lindern. 

Wenn ich das einem Kindergartenkind erklären würde, klänge das vielleicht so: Ich teile mein Schäufelchen und mein Förmchen mit anderen, die noch keines haben, damit sie nicht mit den Händen buddeln müssen und sie auch schöne Sandkuchen machen können. Das versteht jedes Kind - wieso also nicht auch wir? Wenn ich die Einzige im Sandkasten bin, die sich über die selbstgemachten Sandkuchen freut und rings herum weinende Kinder sitzen, freu ich mich mit Sicherheit nicht lange. Wenn doch, wäre tatsächlich doch eine tiefenpsychologische Analyse von Nöten. ?

Mein bis heute liebstes Schäufelchen ist: das Kritzeln. So hieß es zumindest noch in meiner Kindheit. Der moderne, fancy Begriff dafür lautet: Sketchnote. ? Meint aber im Grunde dasselbe wie Kritzeln:

Einen komplexen Sachverhalte mit einfachsten Symbolen

und Kritzeleien darstellen.

Dabei gibt es unendliche Variationen und Techniken. Aber in erster Linie geht es darum, dass man etwas so zeichnet, dass man es selbst versteht und sich möglichst leicht daran erinnern kann. Da hört man schon: Es ist etwas für visuelle Lerner. Jedoch ist bei der Frage, ob ich mir einen ganzen Text vor dem inneren Auge in Erinnerung rufen muss oder ein kleines gezeichnetes Bild, denke ich für jeden schnell klar: Ich nehm das Bildchen, weil weniger Stress! Und diese Intuition bestätigt sich meistens durch die erstaunliche Effizienz der Methode.

Mir ging das erst auf, als ich in der Examesprüfung für Psychologie erstmal schön durchgerasselt bin. An diesem Punkt wollte kein Text und kein einziger Fachbegriff mehr in meinen Kopf passen. Ich MUSSTE also eine Alternative finden, um mir das fehlende Wissen anzueignen. Also nutzte ich aus Verzweiflung meine Leidenschaft zum Zeichnen und packte den kompletten Psycho-Stoff auf 15 Karteikärtchen und 11 Din A4 Blätter. So sah bei mir zum Beispiel ein Ausschnitt aus der personenzentrierten Beratung nach Rogers, oder dem Prozess des Gedächtnisses so aus:

  

Ich bestand überraschenderweise mit 1,5. Für mich war das ein absoluter AHA-Moment und spart mir seither unzählige Nerven und noch mehr Zeit. 

Ich finde es genial, mein Schäufelchen nicht nur mit meinen Schülern teilen zu können, sondern auch mit euch. Viele meiner Materialien versuchen genau diesem Prinzip gerecht zu werden: Ein Bild zu kreieren, das im Gedächtnis bleibt und das vielleicht sogar Spaß macht: So zum Beispiel meine Merkblätter zu verschiedenen Textsorten für den Deutschunterricht. Ich hoffe ich kann nicht nur mein Material mit euch teilen, sondern euch eventuell 

dazu motivieren, selbst kreativ zu werden und eure 

vielleicht schon verstaubten Schäufelchen auszugraben 

oder neu zu entdecken.


Tags: Sketchnotes, Biografie, Erfahrungswissen, teilen, lernstrategien, Visuelle Wahrnehmung

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Autor Lima.Ja bietet 91 Materialien für Fachübergreifendes, Deutsch und 6 weitere Fächer an - zum Beispiel:

Kommentare und Fragen von anderen Nutzern
Bettina Haubold
19. Januar 2020
Hallo Lim.Ja. Dein Beitrag hat mich sehr angesprochen, so dass ich mir gleich deine Materialien angesehen habe und - oh, wie toll! - auch Kunst war dabei. Du hast einen Vorschlag für die Kunst-Notengebung verfasst, was sicher für viele, die das Fach ohne Ausbildung unterrichten sehr wichtig und hilfreich ist. Aber dein Notenschlüssel hat bei mir noch Fragen hinterlassen. Ist der Spielraum an Punkten zwischen den Noten beabsichtigt? Eigentlich müsste es ja immer genau anschließen. Über eine Antwort würde ich mich freuen. PS: für 1 Blatt finde ich den Preis aber sehr teuer, auch wenn es ein heißes Thema ist :-). Liebe Grüße Bettina
Lima.Ja
22. Januar 2020
Liebe Bettina, erstmal vielen herzlichen Dank für deine Rückmeldung! Du hast vollkommen Recht mit dem Spielraum, der ist wohl beim Übertragen entstanden. Ich werde das bald möglichst korrigieren. Das mit dem Preis verstehe ich natürlich sehr gut. Allerdings kannst du dir sicher vorstellen, dass die Arbeit für die Ausarbeitung des Bewertungskonzepts ganz schön viel Zeit und Aufwand gekostet hat. Ich hoffe, du kannst das verstehen. Was wäre für dich denn ein angemessener Preis? 💜liche Grüße, Lima

Lima.Ja
23. Januar 2020
Update: Ich habe das Material angepasst und hochgeladen 🤓
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