"Ikigai" - Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens

"Hygge", der dänische Wohlfühltrend, war gestern. Jetzt kommt: "Ikigai" - die japanische Antwort auf die Frage, was uns morgens aufstehen lässt, weil wir Sinn erkennen.
Was aber trägt dazu bei, dass wir unser Leben als sinn-voll erleben und zufrieden sind? Wodurch kann Sinn eigentlich entstehen und wie können die eigenen Ressourcen und die Resilienzfähigkeit gestärkt werden?

Was ist "Ikigai"?
Das japanische Wort "Ikigai" setzt sich zusammen aus "iki" =Leben und "gai"= Wert. "Ikigai" kann demnach mit "lebenswert", "Sinn/Wert des Lebens" übersetzt werden.
Geprägt wurde die Philosophie durch die Insel Okinawa, die auch die Insel der Hundertjährigen genannt wird. Die dort lebenden Menschen werden nicht nur besonders alt, sie sind bis ins hohe Alter auch sehr fit, gesund und zufrieden. Die Annahme: Neben einer gesunden Ernährung, ausreichend Schlaf und Bewegung sowie der Einbettung in ein gut funktionierendes soziales Netzwerk haben diese Menschen ihr persönliches "Ikigai" gefunden und leben danach.
Ikigai ist die Schnittmenge aus dem, was man liebt, worin man gut ist, was die Welt braucht, und dem, wofür man bezahlt werden kann.
Jeder Mensch hat demnach sein ganz eigenes, persönliches "Ikigai".

Wie finde ich mein persönliches "Ikigai"?
Um sein ganz persönliches "Ikigai" in Erfahrung zu bringen, ist die einfachste Frage danach: Was lässt mich jeden Morgen aufstehen? Was motiviert mich dazu?
Eine andere Möglichkeit besteht darin, sich selbst in einem ruhigen Moment ein paar Fragen zu den relevanten Bereichen zu beantworten:

"Was du liebst"
Was liebe ich? Was macht mir wirklich Freude? Wobei kann ich die Zeit aus den Augen verlieren (flow)? Wofür lasse ich alles stehen und liegen? Was habe ich als Kind bereits gerne gemacht, was ich auch jetzt auch noch mag?

"Was die Welt braucht"
Was braucht (gerade) die Welt von mir? Wovon bin ich im Innersten überzeugt? Welche Probleme sehe ich, für die ich mir eine Lösung wünsche? Was möchte ich weitergeben? Was möchte ich der Welt hinterlassen?

"Wofür Du bezahlt werden kannst"
Welchen (Ferien-/Aushilfs-) Job habe ich? Auf einer Skala von 1-10: Wie zufrieden bin ich mit meinem Job? Welche Jobs und Tätigkeiten hatte ich bereits, welche kann ich mir künftig vorstellen? Was würde ich nicht ehrenamtlich machen?

"Worin Du gut bist"
Welche Fähigkeiten, welche Talente habe ich? Was kann ich besonders gut? Worin bin ich besonders erfolgreich? Worin liegen meine Stärken? Worin bin ich besser als andere?

Zur Visualisierung, der Bewusstwerdung und zur weiteren Reflexion und Analyse der Antworten auf die Fragen können diese beispielsweise auf Karten notiert und den einzelnen Bereichen zugeordnet werden.

In einem nächsten Schritt geht es darum, Gemeinsamkeiten zu identifizieren und die Schnittmengen zu erkennen:
Was kann ich gut und könnte damit auch Geld verdienen? (Profession)
Bekomme ich Geld für etwas, was die Welt (unbedingt) braucht? (Berufung)
Habe ich eine Mission, also liebe ich etwas, was die Welt auch (unbedingt) braucht?
Was tue ich gerne und wirklich gut? (Leidenschaft)

Anleitung:
Um diese Schnittmengen zu erkennen, kann das vorliegende Material genutzt werden. Am einfachsten ist es, wenn die Schülerinnen und Schüler für jeden Bereich einen gesonderten Kreis erhalten. Die Reflexionsfragen werden einzeln bearbeitet, indem die jeweiligen Antworten auf die Fragen in den dafür vorgesehenen Kreis geschrieben werden.
Sind alle vier Kreise ausgefüllt, werden diese, wie in dem Modell oben gezeigt, übereinandergelegt, um die Schnittmengen (Profession, Berufung, Mission, Leidenschaft) und das persönliche Ikigai zu erkennen.

Reflexionsangebote nutzen, nächste Schritte gehen
Das "Ikigai"-Modell kann angewandt werden, um sich selbst über seine Werte, Ziele, Motive und Bedürfnisse klar zu werden und so Sinn im Leben zu finden. Es kann aber auch im Rahmen eines Coachings genutzt werden. Die den einzelnen Bereichen zugeordneten Karten zeigen zahlreiche Reflexionsmöglichkeiten auf:
In welchem Bereich liegen die Schwerpunkte, welche Bereiche sind eventuell noch gar nicht belegt? Wie sehen meine Wunschvorstellungen aus: In welchen Bereichen möchte ich (noch) aktiver werden? Wie erziele ich eine bessere Balance zwischen den vier Bereichen? Wie viel Zeit verbringe ich mit Dingen, die ich nicht mag, die ich nicht gut kann, für die ich nichts bekomme und die die Welt nicht braucht? Gibt es etwas, in dem ich gut bin, das ich liebe, für das ich Geld bekomme und was die Welt wirklich braucht ("Ikigai")? Was könnte ich tun, um mein persönliches "Ikigai" zu realisieren? Wie könnten die nächsten Schritte aussehen? Und wer kann mich dabei unterstützen?

Purpose eines Teams bzw. einer Schule
Spannend kann es sein, beispielsweise im Rahmen eines Team-Coachings des Schulleitungsteams, des Kollegiums im Rahmen eines Pädagogischen Tages, einer Abteilung oder einer Fachschaft, Ikigai-Fragen zu stellen, um zu reflektieren, inwiefern ein Team, eine Schule, das, was nämlich das Kerngeschäft von Schule angeht, also Unterricht, auch wirklich gerne und gut tut und inwiefern das die Welt wirklich braucht. Schnell wird klar, dass dadurch nicht nur Potentiale und Entwicklungschancen aufgedeckt werden können, sondern auch die individuellen Ressourcen, das, was stärkt, was die eigene Tätigkeit als sinnvoll erscheinen lässt, erkennbar werden. 

Aber nicht nur auf der Ebene der Lehrkräfte und der Schulleitung kann das Modell seine Anwendung finden. Auch im Unterricht, im Rahmen des Konzepts zur Berufs- und Studienorientierung oder in der Laufbahnberatung von Schülerinnen und Schülern können die Fragen angesprochen, thematisiert und diskutiert werden, um zu einer kritischen Reflexion anzuregen und um bewusst zu machen, inwiefern die Wahrnehmung des "Rechts auf Bildung" zur persönlichen Sinnstiftung beitragen kann oder nicht.

So ermöglicht das "Ikigai-Modell" vielfältige Reflexionsangebote und Anwendungsmöglichkeiten sowie Erkenntnisprozesse und unterstützt bei der Frage nach dem Sinn, nach dem, was im (Schul)Leben trägt. Um genau das zu einer tragenden Säule im Leben werden zu lassen, braucht es nach dem Finden des persönlichen "Ikigais" ein Festlegen der nächsten Schritten, einen Handlungsplan zur konkreten Umsetzung und Realisierung des "Ikigais".

Viel Erfolg beim Finden und der Umsetzung Ihres persönlichen "Ikigais" und seien Sie getragen im und vom Leben.

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