
Ende September waren wir mit unseren Heften auf der famFAIR in Mannheim. Auf dem Tisch lagen alle Alonies-Bücher zum Ausprobieren, daneben Stifte. Den ganzen Tag lief es gleich ab: Ein Kind setzt sich, schlägt eine Seite auf und fängt an. Niemand liest vor, niemand erklärt.
Viele Erwachsene, die daneben standen, hat das überrascht. Die meisten dieser Kinder können noch nicht lesen. Wie verstehen sie trotzdem, was zu tun ist?
In der Förderschule arbeiten wir mit dem erweiterten Lesebegriff. Lesen heißt dort: einer Darstellung eine Bedeutung entnehmen. Das Schaubild oben zeigt die Stufen. Zuerst liest ein Kind Situationen: Die Mama zieht die Jacke an, also geht es gleich raus. Dann Bilder, die dem Gemeinten ähneln. Dann Symbole, deren Bedeutung vereinbart ist, etwa ein Pfeil für „hier geht es weiter“. Dann Ganzwörter wie den eigenen Namen. Ganz am Ende steht die Schrift, die nur noch aus Vereinbarung besteht.
Die meisten Vorschulkinder bewegen sich irgendwo zwischen Bildern und Ganzwörtern. Eine Aufgabe, die nur als Text auf dem Blatt steht, liegt für sie also ein bis zwei Stufen zu hoch. Sie brauchen jemanden, der übersetzt.
Wer einen Auftrag vorgelesen bekommt, muss ihn im Kopf behalten, während er arbeitet. Bei zwei oder drei Teilschritten kommt das Arbeitsgedächtnis eines Fünfjährigen schnell an seine Grenze. Ein Bild bleibt auf der Seite stehen. Das Kind kann jederzeit wieder hinschauen, statt sich erinnern zu müssen, und hat mehr Kraft für die eigentliche Aufgabe.
Dazu kommt etwas, das du an jedem Kita-Tisch beobachten kannst: Ein Kind, das auf die Erklärung warten muss, wartet. Ein Kind, das die Anweisung selbst lesen kann, fängt an.
Die Anweisung sitzt auf der richtigen Stufe. Für Kinder, die noch nicht lesen, heißt das: ein Bild oder ein vertrautes Symbol, kein Satz.
Das Bild zeigt die Handlung, nicht nur das Ergebnis. Eine Hand, die eine Linie zieht, sagt mehr als eine fertige Linie.
Ein Bild, ein Auftrag. Stecken zwei Tätigkeiten in einem Bild, weiß das Kind nicht, womit es anfangen soll.
Neue Zeichen werden eingeführt, bevor sie allein stehen. Ein Symbol wird erst lesbar, wenn das Kind es ein paarmal zusammen mit der Handlung erlebt hat: einmal vormachen, einmal gemeinsam, dann allein.
Gleiche Zeichen bedeuten immer dasselbe. Wechselt die Bedeutung von Blatt zu Blatt, muss das Kind wieder raten.
Diesen Check kannst du morgen mit jedem Arbeitsblatt machen, das du schon hast. Leg es einem Kind hin, sag nichts und schau eine halbe Minute zu.
Fängt das Kind an, trägt die Aufgabe sich selbst.
Schaut es dich fragend an, steckt der Auftrag noch im Text.
Macht es etwas anderes, als du gedacht hast, ist das Bild mehrdeutig.
Oft reicht eine kleine Änderung: Ersetze den Satz durch ein Bild der Handlung. Teile ein Bild mit zwei Aufträgen in zwei. Oder führe ein Zeichen erst gemeinsam ein, bevor es allein auf dem Blatt steht. Und wenn ein Kind trotzdem fragt, ist das kein Scheitern. Fragen gehört zum Selbstständigwerden dazu.
In den Alonies-Heften macht AYUDi jede neue Aufgabe einmal vor, oben auf der Seite und ohne Worte. Danach übernimmt das Kind. Die Symbole und Abläufe kehren von Heft zu Heft wieder, so wird aus einem Bild mit der Zeit eine Vereinbarung, die das Kind sicher liest. Ein kurzer Erklärtext am Anfang jedes Heftes ist für die Erwachsenen da, falls sie doch einmal helfen wollen.
Auf der Messe haben wir gesehen, dass das trägt. Die Kinder brauchten den Text nicht.
Wenn du sehen möchtest, wie das über viele Seiten hinweg aussieht:
Mit welchem Zeichen arbeitet deine Gruppe so selbstverständlich, dass niemand mehr erklären muss?
Alonies helfen lernen
Schaubild: ALONIES-Manifest (ALO-PF-001), Abb. 9 · Eigene Darstellung nach dem erweiterten Lesebegriff (Hublow; Günthner)
Wenn du den Blog-Artikel magst dann klicke auf das Herz. Das hilft uns zu verstehen, welche Artikel besonders lesenswert sind.