
Auf dem Tisch liegen Scheren, Papier, Stifte und ein paar Vorlagen. Die Aufgabe ist für alle gleich.
Nach wenigen Minuten sieht es trotzdem sehr unterschiedlich aus.
Ein Kind hat längst ausgeschnitten und überlegt schon, was es noch ergänzen könnte. Nebenan dreht jemand das Papier zum dritten Mal, weil die Schere an einer kleinen Ecke einfach nicht dorthin will, wo sie hinsoll. Ein anderes Kind schaut erst einmal zu. Und eines fragt: „Muss ich das genauso machen?“
Eigentlich passiert gerade etwas völlig Normales:Kinder arbeiten unterschiedlich.
Schwierig wird es manchmal erst dann, wenn wir versuchen, diese Unterschiede besonders ordentlich zu organisieren.
Das ist gut gemeint.
Eine einfachere Vorlage. Weniger Text. Größere Formen. Eine zusätzliche Hilfestellung.
Pädagogisch ergibt das Sinn. Für das Kind kann aber noch eine zweite Botschaft dazukommen:
Die anderen können das. Ich brauche etwas anderes.
Dabei müsste Unterstützung gar nicht immer so deutlich sichtbar sein.
Was wäre, wenn alle am selben Thema arbeiten, aber verschiedene Wege dorthin von Anfang an dazugehören?
Auf dem Tisch liegen beispielsweise mehrere Vorlagen. Manche haben große, einfache Formen, andere kleinere Details. Es gibt eine Bildanleitung und eine kurze Textanleitung. Wer möchte, beginnt direkt. Wer unsicher ist, schaut sich erst ein Beispiel an. Zwei Kinder können gemeinsam arbeiten. Und wer längst fertig ist, bekommt nicht einfachnoch ein Arbeitsblatt, sondern Raum, die Idee weiterzuführen.
Niemand muss wissen, welche Variante eigentlich die „leichtere“ war.
Vielleicht gibt es diese Einteilung sogar gar nicht.
Differenzierung muss nicht bedeuten, für jedes Kind eine eigene Aufgabe zu entwickeln.
Manchmal reichen schon kleine Entscheidungen:
Wie viel Orientierung gebe ich?
Wie komplex ist die Vorlage?
Kann ein Kind etwas weglassen?
Darf es etwas hinzufügen?
Kann es mit jemandem zusammenarbeiten?
Gibt es mehr als ein mögliches Ergebnis?
So kann ein Kind sehr nah an einer Vorlage bleiben und am Ende zufrieden auf sein Ergebnis schauen.
Ein anderes verändert fast alles.
Beides ist richtig.
Und wenn die Arbeiten anschließend nebeneinanderliegen, sollte möglichst nicht zu erkennen sein:
Das hier war die einfache Variante.
Sondern:
Das sind unsere Ergebnisse.
Vielleicht nimmt es irgendwann doch eine Schere.
Vielleicht beginnt es mit der einfachsten Form auf dem Tisch. Jemand zeigt kurz, wie es geht. Der erste Schnitt klappt. Der zweite auch.
Am Ende hält dieses Kind etwas Eigenes in der Hand.
Nicht das komplizierteste Ergebnis der Klasse. Vielleicht auch nicht das sauberste.
Aber darum ging es nie.
Es ging um diesen kleinen Moment:
Ich kann das auch.
Und vielleicht ist genau das eine der schönsten Formen von Differenzierung:
Wenn die Unterstützung da ist –aber das Kind vor allem seinen eigenen Erfolg sieht.
Wenn du den Blog-Artikel magst dann klicke auf das Herz. Das hilft uns zu verstehen, welche Artikel besonders lesenswert sind.