„Schwein gehabt“, „zwei Fliegen mit einer Klappeschlagen“ oder „die Katze aus dem Sack lassen“: Tiere begegnen uns ständig in unserer Sprache. Viele solcher Formulierungen verwenden wir ganz selbst verständlich. Meist denken wir gar nicht darüber nach, welche Bilder von Tieren damit eigentlich vermittelt werden.
Ähnlich ist es mit Begriffen, die uns aus Alltag, Unterricht und Bildungsmedien vertraut sind. Wir sprechen von „Nutztieren“ und „Haustieren“, Menschen „essen“, Tiere „fressen“, Menschen „sterben“, Tiere „verenden“. Sind das einfach nur Ausdrücke? Oder beeinflusst Sprache auch, wie wir Tiere wahrnehmen?

Sprache beschreibt nicht nur – sie prägt auch unsere Wahrnehmung
Sprache hilft uns, die Welt zu ordnen. Mit Begriffen benennen und beschreiben wir, was uns umgibt. Gleichzeitig können diese Begriffe bestimmte Sichtweisen transportieren.
Das wird beispielsweise deutlich, wenn Tiere vor allem danach bezeichnet werden, welche Funktion sie für Menschen erfüllen. Begriffe wie „Nutztier“ oder „Schädling“ rücken den menschlichen Nutzen odervermeintlichen Schaden in den Mittelpunkt. Die Tiere selbst – als fühlende Individuen mit eigenen Bedürfnissen, Fähigkeiten und sozialen Beziehungen –können dabei sprachlich in den Hintergrund treten.
Gerade im Bildungskontext lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf Sprache. Denn Bücher, Arbeitsblätter, Unterrichtsgespräche und andere Bildungsmedien vermitteln nicht nur Sachwissen. Sie können auch Vorstellungen davon mitprägen, wie wir Tiere einordnen und welchen Stellenwert wir ihnen zuschreiben.
Das bedeutet nicht, dass hinter jeder vertrauten Formulierung eine bewusste Abwertung steckt. Viele Begriffe und Redewendungen haben wir selbst gelernt und verwenden sie ganz selbstverständlich. Tiergerechte Sprache lädt deshalb zunächst einmal dazu ein, genauer hinzuhören.
Was bedeutet „tiergerechte Sprache“ eigentlich?
Tiergerechte Sprache versucht, Tiere sprachlich als das sichtbar zu machen, was sie sind: fühlende Individuen mit einem eigenen Leben und eigenen Bedürfnissen.
Dazu gehört beispielsweise, Tiere möglichst präzise zu benennen, statt sie ausschließlich über ihre Funktion für Menschen zu beschreiben. Auch beschönigende oder technische Formulierungen können hinterfragt werden, wenn dadurch wichtige Informationen über das Erleben der betroffenen Tiere unsichtbar werden.
Ein kleines Beispiel zeigt, wie viel bereits ein Pronomen verändern kann:
Statt: „Auf der Wiese steht ein Schaf. Es frisst Gras.“
Besser: „Auf der Wiese steht ein Schaf. Das Schaf isst Gras.“
Hier verändern sich gleich zwei Dinge. Das Schaf wird nicht mit dem neutralen „es“ bezeichnet, sondern als Tier erneut benannt. Gleichzeitig verwenden wir mit „essen“ dasselbe Wort für die Nahrungsaufnahme, dass wir auch bei Menschen benutzen. Ist das Geschlecht eines Tieres bekannt, können wir außerdem „sie“ oder „er“ verwenden. Andernfalls lässt sich häufig die Tierart oder eine andere passende Bezeichnung wiederholen.
Wenn vertraute Begriffe Tiere auf eine Rolle reduzieren
Besonders interessant wird der Blick auf Begriffe, die uns so vertraut sind, dass ihre Bedeutung kaum noch auffällt.
Ein Schwein wird zum „Nutztier“, ein Hund zum „Haustier“, bestimmte Tiere werden als „Schädlinge“ bezeichnet. Solche Kategorien sagen zunächst viel darüber aus, wie Menschen diese Tiere einordnen. Über die Tiere selbst erfahren wir dadurch jedoch wenig.
Für die Bildungsarbeit kann deshalb schon eine kleinesprachliche Veränderung einen Unterschied machen. Statt ausschließlich von „Nutztieren“ zu sprechen, können wir beispielsweise die jeweilige Tierartbenennen, also von Schweinen, Rindern oder Hühnern sprechen. Ist der gesellschaftlich gebräuchliche Begriff für das Verständnis wichtig, kann er als „sogenanntes Nutztier“ gekennzeichnet und gemeinsam hinterfragt werden.
Auch andere vertraute Unterscheidungen können Anlass zur Reflexion geben:
Menschen essen Nahrung – Tiere fressen Futter.
Menschen sterben – Tiere verenden.
Menschen gebären – Tiere werfen.
Warum verwenden wir für ähnliche Vorgänge eigentlich unterschiedliche Ausdrücke?
Solche Fragen können mit Kindern und Jugendlichen aufgegriffen werden, ohne die Antwort bereits vorzugeben. Sprache selbst wird damit zum Gegenstand der Auseinandersetzung. Auch bereits vorhandene Unterrichts- und Bildungsmaterialien müssen dafür nicht von heute auf morgenkomplett überarbeitet werden. Schon das gemeinsame Entdecken und Hinterfragen eines Begriffes kann einen interessanten Lernanlass schaffen.
Und was ist mit Redewendungen?
Auch in Redewendungen sind Tiere erstaunlich präsent. Manche stellen bestimmte Tierarten pauschal negativ dar, andere beziehen sich auf Handlungen, bei denen Tieren Gewalt angetan wird.
Gerade weil Redewendungen meistens nicht wörtlich gemeint sind, verwenden wir sie häufig völlig automatisch. Genau das macht sie für die Bildungsarbeit interessant.
Statt eine Liste mit „richtigen“ und „falschen“ Redewendungen aufzustellen, können wir gemeinsam fragen:
Woher kommt diese Redewendung eigentlich?
Welches Bild eines Tieres steckt darin?
Würde die Aussage auch ohne dieses Bildfunktionieren?
Welche andere Formulierung könnten wir finden?
Aus „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“ könnte beispielsweise ganz schlicht „zwei Dinge auf einmal erledigen“ werden.
Dabei geht es nicht darum, jedes Wort im Alltag ständig zu kontrollieren. Vielmehr kann das Entdecken solcher sprachlichen Gewohnheiten für Kinder wie Erwachsene ein spannender Anlass sein, über Sprachenachzudenken. Auch unser Leitfaden versteht die vorgeschlagenen Alternativen ausdrücklich nicht als starre Vorschriften, sondern als Anregungen für bewusstere sprachliche Entscheidungen.
Was hat das mit Gewaltfreier Kommunikation zu tun?
Vielleicht kennt ihr aus eurem pädagogischen Alltag bereits die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) nach Marshall B. Rosenberg. Sie wurde für die zwischenmenschliche Kommunikation entwickelt und ist deshalb nicht dasselbe wie tiergerechte Sprache. Trotzdem gibt es einen interessanten Anknüpfungspunkt. Beide Ansätze laden dazu ein, genauer darauf zu achten, wie Sprache Wahrnehmung und Beziehungen beeinflusst.
In der Gewaltfreien Kommunikation spielen unter anderem Beobachtungen ohne vorschnelle Bewertungen sowie Gefühle und Bedürfnisse eine wichtige Rolle. Auch beim Sprechen über Tiere kann diese Haltung einen Perspektivwechsel ermöglichen.
Ein Hund, der knurrt, kann beispielsweise schnell als „aggressiv“, „böse“ oder „dominant“ bezeichnet werden. Eine zunächst beschreibende Formulierung wäre dagegen: „Der Hund knurrt, als sich ein Mensch seinem Spielzeug nähert.“
Damit ist noch keine eindeutige Aussage darüber getroffen, warum der Hund knurrt. Im nächsten Schritt können Informationen über Körpersprache, artspezifisches Verhalten und die konkrete Situation berücksichtigt werden. So vermeiden wir vorschnelle Zuschreibungen und nehmen gleichzeitig ernst, dass Tiere eigene Wahrnehmungen, Gefühle und Bedürfnisse haben.
Tiergerechte Sprache und Gewaltfreie Kommunikation sind also zwei unterschiedliche Ansätze. Gemeinsam ist ihnen jedoch ein interessanter Impuls für die Bildungsarbeit: Sprache bewusst wahrzunehmen, Bewertungen zu hinterfragen und das Gegenüber nicht vorschnell auf eine Zuschreibung zu reduzieren.
Tiergerechte Sprachebedeutet nicht, Tiere zu vermenschlichen
Die Perspektive von Tieren einzubeziehen heißt nicht, menschliche Gefühle oder Vorstellungen einfach auf Tiere zu übertragen. EinFuchs muss nicht „schlau“, ein Löwe nicht „königlich“ und ein Lamm nicht „unschuldig“ sein. Auch vermeintlich positive Zuschreibungen können stereotype Vorstellungen erzeugen.
Tiergerechte Sprache orientiert sich deshalb möglichst an überprüfbaren Informationen über die jeweilige Tierart und das einzelne Tier: an Fähigkeiten, Wahrnehmungen, Bedürfnissen, Sozialverhalten und artspezifischen Verhaltensweisen. So können Tiere als Individuen sichtbar werden, ohne sie zu vermenschlichen.
Ihr möchtet genauer hinschauen?
In unserem kostenfreien Leitfaden „Tiergerechte Sprache in Bildungsmedien“ findet ihr Hintergrundwissen zur Wirkung von Sprache im Mensch-Tier-Verhältnis, Prinzipientiergerechter Sprache sowie zahlreiche Beispiele für Begriffe, Metaphern und Redewendungen.
Der Praxisteil zeigt problematische Formulierungen, erläutert ihre mögliche Wirkung und schlägt Alternativen vor. Die Empfehlungen sind dabei ausdrücklich nicht als starre Sprachvorschriften gedacht, sondern als Orientierung für eine reflektierte und faire Darstellung von Tieren.


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Und jetzt seid ihr dran
Sprache begegnet uns jeden Tag und vieles davon verwenden wir ganz selbstverständlich, ohne jedes Wort bewusst zu wählen.
Wenn ihr jetzt einmal an euren Unterricht oder pädagogischen Alltag denkt: Welche Begriffe, Redewendungen oder Formulierungen rund um Tiere fallen euch spontan ein, die dort immer wieder vorkommen?
Schreibt eure Beispiele und Erfahrungen gerne in die Kommentare. Wir sind gespannt auf den Austausch!
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