
Das neue Schuljahr beginnt.
Also fast.
Vorher muss nur noch schnell das Klassenzimmer fertig werden.
Die neue Sitzordnung steht schon.
Die Leseecke auch.
Die Willkommensschilder sind ausgedruckt.
Die Namensschilder ausgeschnitten.
Die Geburtstagswand hängt.
Für die Klassendienste fehlt noch ein schönes System.
Die Materialstation könnte eigentlich auch noch ein bisschen hübscher sein.
Und irgendwo auf dem Tisch liegt ein Stapel Laminierfolien, der inzwischen verdächtig nach Überstunden aussieht.
Aber wenn man schon dabei ist …
Eine kleine Ruhe-Ecke wäre schön.
Vielleicht noch eine Ecke für die Wochenziele.
Eine für besondere Arbeiten.
Eine für Motivation.
Eine für Gefühle.
Eine für Dinge, von denen man vor drei Tagen noch gar nicht wusste, dass ein Klassenzimmer dafür eine eigene Ecke braucht.
Und dann sieht man dieses eine Klassenzimmer im Internet.
Natürlich mit perfekt aufeinander abgestimmten Farben.
Jedes Körbchen beschriftet.
Jede Wand gestaltet.
Selbst die Stifte sehen aus, als hätten sie vor Schuljahresbeginn ein Farbkonzept bekommen.
Und plötzlich schaut man sich im eigenen Klassenzimmer um und denkt:
Da geht noch was.
Kann sein.
Aber muss da wirklich noch was?
Wenn du es liebst, dein Klassenzimmer zu gestalten, auszuprobieren, zu basteln und zu dekorieren: wunderbar.
Dann mach weiter.
Andere gehen joggen, backen dreistöckige Torten oder verbringen ihre Freizeit im Garten.
Jeder hat seine Hobbys.
Problematisch wird es erst, wenn aus
„Ich möchte das gerne machen“
irgendwann
„Ich muss das noch machen“
wird.
Wenn Deko Nummer 712 noch laminiert werden muss.
Wenn die Ferien langsam zu Ende gehen und statt Vorfreude vor allem die Liste im Kopf länger wird.
Wenn das Klassenzimmer am ersten Schultag fantastisch aussieht – und die Lehrkraft darin eigentlich erst einmal Urlaub gebrauchen könnte.
Vielleicht lohnt sich dann eine andere Frage:
Was nehmen die Kinder am ersten Schultag eigentlich mehr wahr?
Ob wirklich jede Ecke fertig ist?
Ob alle Schilder zusammenpassen?
Ob hinten links noch eine Wand verdächtig leer aussieht?
Oder ob da jemand steht, der sich freut, sie zu sehen?
Jemand, der Zeit hat hinzuschauen.
Der zuhört.
Der merkt, wenn ein Kind ziemlich still geworden ist.
Der über einen schiefgegangenen Start lachen kann.
Und der nicht innerlich noch bei Deko Nummer 712 hängt.
Ein schönes Klassenzimmer ist schön.
Ein liebevoll vorbereitetes Klassenzimmer auch.
Aber vielleicht muss man nicht jede freie Wand gestalten, damit Kinder sich willkommen fühlen.
Manchmal reicht dafür etwas, das sich überhaupt nicht laminieren lässt:
Jemand, der wirklich da ist.
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