
Der Schulanfang ist für Kinder ein ganz besonderer Übergang. Mit dem Eintritt in die erste Klasse treffen Kinder mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen, Fähigkeiten und Voraussetzungen aufeinander. Während ein Kind bereits erste Wörter liest, sicher zählt und Arbeitsaufträge selbstständig umsetzt, benötigt ein anderes Kind noch Unterstützung beim Zuhören, bei der Stifthaltung oder dabei, sich im neuen Schulalltag zurechtzufinden.
Genau deshalb sollte die Frage zu Beginn des ersten Schuljahres nicht lauten: „Was kann ein Schulkind schon?“, sondern vielmehr:
„Was bringt dieses Kind bereits mit – und was braucht es, um sich bestmöglich weiterentwickeln zu können?“
Eine strukturierte Eingangsdiagnostik kann dabei eine wertvolle Grundlage für die weitere pädagogische Arbeit sein.
Gerade zu Beginn der ersten Klasse sollte Diagnostik nicht mit einer Leistungskontrolle verwechselt werden. Es geht nicht darum, möglichst früh festzustellen, welche Kinder „gut“ oder „schwach“ sind.
Vielmehr geht es um eine pädagogische Standortbestimmung.
Lehrkräfte beobachten beispielsweise: Wie verständigt sich das Kind? Welche Vorläuferfähigkeiten im Lesen und Schreiben sind bereits vorhanden? Wie sicher ist es im Umgang mit Mengen und Zahlen? Wie arbeitet es? Wie verhält es sich innerhalb der neuen Lerngruppe? Und wie selbstständig bewältigt es die vielen neuen Anforderungen des Schulalltags?
Dabei ist besonders wichtig, das Kind ganzheitlich zu betrachten. Schulisches Lernen hängt schließlich nicht nur davon ab, ob ein Kind bereits Buchstaben oder Zahlen kennt.
Aus diesem Gedanken heraus ist mein „Beobachtungsbogen zum Schulstart – Klasse 1“ entstanden.
Der zweiseitige Bogen betrachtet sieben zentrale Entwicklungsbereiche:
Sprache & Kommunikation
Vorläuferfähigkeiten Lesen & Schreiben
Mathematische Basiskompetenzen
Motorik & Wahrnehmung
Aufmerksamkeit & Arbeitsverhalten
Sozialverhalten
Emotionales Verhalten & Selbstständigkeit
So wird beispielsweise nicht nur beobachtet, ob ein Kind einzelne Buchstaben erkennt oder sicher vorwärts zählt. Auch Fähigkeiten wie das Verstehen von Arbeitsaufträgen, das Gliedern von Wörtern in Silben, die Stifthaltung, der Umgang mit Arbeitsmaterialien, das Einhalten vereinbarter Regeln, das Äußern eigener Bedürfnisse oder der Umgang mit kleinen Misserfolgen werden berücksichtigt.
Gerade diese Verbindung verschiedener Entwicklungsbereiche kann im Anfangsunterricht besonders aufschlussreich sein.
Ein klassischer Test zeigt häufig, was ein Kind in einer bestimmten Situation zu einem bestimmten Zeitpunkt leisten konnte. Beobachtung kann einen anderen Blick ermöglichen.
Wie verhält sich das Kind im Morgenkreis? Wie arbeitet es während einer freien Arbeitsphase? Fragt es nach, wenn es etwas nicht verstanden hat? Kann es warten? Nimmt es Kontakt zu anderen Kindern auf? Wie geht es mit unbekannten Aufgaben um?
Deshalb enthält der Beobachtungsbogen neben dem Namen und der Klasse auch einen Beobachtungszeitraum. Die Einschätzung muss also nicht innerhalb eines einzigen Tages erfolgen. Vielmehr können Lehrkräfte ihre Beobachtungen über die erste Zeit des Schuljahres hinweg zusammentragen.
Das nimmt Druck aus der Diagnostik – für Kinder und Lehrkräfte.
Bei der Gestaltung des Bogens war mir außerdem wichtig, Entwicklung sichtbar zu machen, ohne Kinder vorschnell in klassische Bewertungskategorien einzuordnen.
Deshalb arbeitet der Beobachtungsbogen mit einer Pflanzensymbolik.
Vom Keimling über die kleine und wachsende Pflanze bis hin zur starken Pflanze wird sichtbar: Kompetenzen entwickeln sich.
Ein Keimling bedeutet dabei nicht „kann es nicht“. Er zeigt vielmehr: Hier benötigt das Kind momentan noch viel Unterstützung. Bei der kleinen Pflanze sind erste Ansätze erkennbar, bei der wachsenden Pflanze ist die Kompetenz überwiegend vorhanden und die starke Pflanze steht für eine sichere und selbstständige Kompetenz.
Diese Darstellung passt für mich besonders gut zum Schulanfang. Denn Kinder kommen nicht als „fertige Schulkinder“ in die erste Klasse. Sie dürfen wachsen – und sie tun dies in ganz unterschiedlichem Tempo.
Eine Beobachtung allein hilft einem Kind noch nicht weiter. Entscheidend ist, was wir aus unseren Beobachtungen ableiten.
Wenn ich beispielsweise feststelle, dass ein Kind Arbeitsaufträge sprachlich noch nicht sicher versteht, braucht es möglicherweise visualisierte oder kleinschrittigere Arbeitsanweisungen. Hat ein Kind Schwierigkeiten bei der Feinmotorik, können gezielte Übungen sinnvoll sein. Ein Kind, das fachlich bereits sehr sicher ist, benötigt dagegen vielleicht anspruchsvollere Lernangebote.
Deshalb endet der Beobachtungsbogen bewusst nicht mit den einzelnen Kompetenzbereichen.
Auf der zweiten Seite gibt es Raum für:
„Das bringt das Kind bereits mit“ und „Hier darf noch etwas wachsen“.
Darüber hinaus können mögliche nächste Entwicklungsschritte und konkrete Fördermaßnahmen bzw. Impulse festgehalten werden. Auch weitere Beobachtungen lassen sich dokumentieren.
Damit entsteht aus der Diagnostik eine direkte Verbindung zur individuellen Förderung.
Bei Diagnostik richtet sich der Blick schnell auf das, was noch nicht gelingt. Dabei ist es mindestens genauso wichtig zu erkennen, was ein Kind bereits kann.
Welche besonderen Interessen zeigt es? Wo erlebt es sich als kompetent? Was gelingt ihm besonders gut?
Diese Informationen können für die weitere Förderung enorm wertvoll sein. Denn Stärken bieten häufig Anknüpfungspunkte, um Kinder zu motivieren und ihnen Sicherheit zu geben.
Deshalb enthält der Bogen ausdrücklich einen Bereich für besondere Stärken und Interessen.
Eine gute Eingangsdiagnostik hilft uns Lehrkräften dabei, unseren Unterricht nicht an einem angenommenen „Durchschnittskind“ auszurichten, sondern an den Kindern, die tatsächlich vor uns sitzen.
Sie kann dabei unterstützen,
Lernvoraussetzungen frühzeitig zu erkennen,
Stärken und Interessen wahrzunehmen,
Unterstützungsbedarfe zu identifizieren,
Unterricht und Lernangebote zu differenzieren,
Fördermaßnahmen gezielter zu planen,
Entwicklungen im weiteren Schuljahr nachvollziehbar zu machen und
Beobachtungen für Gespräche im pädagogischen Team strukturiert festzuhalten.
Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Aufgaben in den ersten Schulwochen: nicht möglichst schnell mit dem Stoff voranzukommen, sondern zunächst die Kinder kennenzulernen, mit denen wir diesen Lernweg gehen werden.
Denn erst wenn wir wissen, wo ein Kind steht, können wir überlegen, welcher nächste Schritt für dieses Kind sinnvoll ist.
Jedes Kind startet an einem anderen Punkt. Unsere Aufgabe ist nicht, dafür zu sorgen, dass alle Pflanzen gleichzeitig blühen – sondern jedem Kind die Bedingungen zu geben, unter denen es wachsen kann.
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