
Eigentlich ist die Stunde fertig.
Also fast.
Ich könnte das Arbeitsblatt noch ein bisschen schöner machen. Die Überschrift vielleicht. Und wenn ich schon dabei bin, könnte ich noch eine leichtere Version machen.
Differenzierung ist schließlich wichtig.
Und eine schwierigere.
Für die Schnellen.
Wobei „die Schnellen“ natürlich auch nicht alle gleich schnell sind. Vielleicht also noch eine Zusatzaufgabe.
Gut.
Drei Arbeitsblätter.
Jetzt wäre ich fertig.
Wenn da nicht noch die Eltern wären.
Die wollen natürlich wissen, was gerade läuft. Völlig verständlich. Eine kurze Nachricht reicht bestimmt.
Wobei man es vielleicht etwas genauer erklären sollte, sonst kommen Rückfragen.
Und Frau Müller hatte ja noch diesen hilfreichen Tipp geschickt. Ihr Neffe hatte in der dritten Klasse wohl dasselbe Problem. Das könnte man sich auch noch kurz anschauen.
Aber erst mal Unterricht.
Der Lehrplan möchte schließlich auch noch mitmachen.
Und die Kinder sollen am Ende des Schuljahres möglichst alle dort angekommen sein, wo sie ankommen sollen.
Also fördern.
Fordern.
Beobachten.
Dokumentieren.
Motivieren.
Trösten.
Streit schlichten.
Brotdosen suchen.
Und bitte jedes Kind individuell im Blick behalten.
Dann sieht man abends auf Instagram, was andere so machen.
Eine Kollegin hat mit ihrer Klasse offenbar nebenbei einen mittelalterlichen Marktplatz gebaut.
Mit selbst geschöpftem Papier.
Natürlich.
Ich habe heute immerhin 26 Klebestifte wiedergefunden.
Aber der Marktplatz sieht schon toll aus.
Vielleicht könnte man …
Nein.
Und genau da liegt vielleicht das Problem.
Es gibt bei all dem nämlich kein Fertig.
Man kann Unterricht immer noch besser vorbereiten. Noch schöner gestalten. Noch genauer differenzieren. Noch individueller fördern. Noch ausführlicher informieren. Noch kreativer sein.
Irgendwo gibt es garantiert jemanden, der es gerade noch ein bisschen besser macht.
Wenn man versucht, überall hinterherzukommen, kommt irgendwann nur einer nicht mehr hinterher:
man selbst.
Vielleicht muss das Arbeitsblatt deshalb gar nicht selbst gemacht sein.
Vielleicht darf man eins kaufen.
Vielleicht darf es sogar aussehen, als wäre es ein Arbeitsblatt und nicht der Gewinner eines internationalen Designpreises.
Vielleicht braucht nicht jede Unterrichtsstunde einen Wow-Moment.
Und vielleicht muss man auch nicht auf jeden gut gemeinten Tipp noch eine zusätzliche Schleife drehen.
Manchmal reicht gut.
Denn die eingesparte halbe Stunde ist nicht nichts.
Sie kann bedeuten, dass man am nächsten Morgen nicht schon erschöpft ins Klassenzimmer kommt.
Dass noch ein bisschen Platz im Kopf ist.
Und dass man hört, wenn ein Kind nebenbei sagt:
„Kann ich Ihnen mal was erzählen?“
Vielleicht ist genau dafür ein bisschen weniger Perfektion ziemlich gut.
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