Forschendes Lernen in der Grundschule: Begleiten statt vorgeben

30bcfec3-746d-4a3e-a9a7-e0461f17e33d.png

Beim Forschenden Lernen verändert sich die Rolle der Lehrkraft. Aber sie wird nicht kleiner.

Das merke ich besonders bei Situationen, in denen Kinder etwas beobachten und plötzlich eine Frage auftaucht.

Ein Kind schaut eine Kaulquappe an und fragt:

Warum bekommt sie Beine?

Die Antwort wäre schnell gegeben. Wir kennen sie ja.

Trotzdem lohnt es sich manchmal, nicht sofort zu erklären.

Vielleicht frage ich erst:

Was hat sich seit deiner letzten Beobachtung verändert?

Oder:

Was kannst du heute erkennen, was gestern noch nicht da war?

Manchmal reicht so eine kleine Frage schon aus, damit ein Kind noch einmal genauer hinsieht.

Und genau dieser Moment interessiert mich.

Muss ich diese Frage jetzt beantworten?

Ich glaube, viele Lehrkräfte kennen diese kleine Entscheidung aus dem Unterricht.

Ein Kind fragt etwas und innerhalb weniger Sekunden muss man überlegen:

Braucht es gerade eine Erklärung?

Einen Hinweis?

Ein Material?

Eine neue Frage?

Oder einfach noch ein bisschen Zeit?

Es gibt darauf natürlich keine allgemeingültige Antwort.

Gerade deshalb finde ich die Begleitung beim Forschenden Lernen so anspruchsvoll.

Es geht nicht darum, möglichst wenig einzugreifen. Kinder sollen auch nicht mit jeder Frage alleinbleiben.

Aber ich möchte ihnen die Möglichkeit geben, einen Gedanken selbst noch ein Stück weiterzuverfolgen, bevor ich ihn für sie zu Ende denke.

Fragen können ganz unterschiedliche Dinge bewirken

Eine Frage wie

Wie heißt dieses Entwicklungsstadium?

hilft mir zu erkennen, ob ein Begriff bereits bekannt ist.

Eine andere Frage lenkt den Blick:

Fällt dir etwas an den Hinterbeinen auf?

Und dann gibt es Fragen, auf die ich selbst die Antwort im ersten Moment gar nicht hören möchte:

Was glaubst du, was als Nächstes passieren könnte?

Diese Unterschiede finde ich wichtig.

Beim Forschenden Lernen brauche ich alle diese Formen. Aber nicht immer zur gleichen Zeit.

Wenn ein Kind gerade etwas entdeckt, kann eine Wissensfrage den Gedanken manchmal sofort wieder schließen.

Eine offene Frage kann dagegen dazu führen, dass es noch einmal hinsieht, eine Vermutung formuliert oder seine Beobachtung mit einer früheren vergleicht.

Das klingt nach einer Kleinigkeit. Im Unterricht kann genau daraus aber ein sehr interessanter Lernmoment entstehen.

Auch unterschiedliche Beobachtungen dürfen erst einmal stehenbleiben

Bei Naturbeobachtungen sehen Kinder nicht automatisch dasselbe.

Das ist eigentlich selbstverständlich – und trotzdem entsteht schnell der Wunsch, die Beobachtungen möglichst bald zu ordnen.

Zwei Kinder beschreiben etwas unterschiedlich.

Eines glaubt, eine Veränderung entdeckt zu haben, das andere nicht.

Vielleicht liegt eines der beiden falsch.

Vielleicht haben sie zu verschiedenen Zeitpunkten beobachtet.

Vielleicht haben sie einfach auf unterschiedliche Dinge geachtet.

Ich muss diesen Widerspruch nicht sofort auflösen.

Manchmal ist es interessanter zu fragen:

Wie können wir das genauer überprüfen?

Dann wird aus einer kleinen Unsicherheit ein Grund, noch einmal zu beobachten.

Das ist etwas anderes, als einen Fehler einfach stehenzulassen.

Die Lehrkraft bleibt verantwortlich dafür, dass am Ende fachlich verlässliches Wissen entsteht.

Aber der Weg dorthin muss nicht immer mit der richtigen Antwort beginnen.

Begleiten heißt auch, im richtigen Moment etwas anzubieten

Es gibt natürlich Situationen, in denen Kinder allein nicht weiterkommen.

Vielleicht fehlt ein Wort, um eine Beobachtung auszudrücken.

Vielleicht hilft eine Vergleichskarte.

Vielleicht braucht ein Kind eine genauere Abbildung.

Oder es ist einfach der richtige Moment, eine fachliche Erklärung einzuführen.

Für mich ist das kein Widerspruch zum Forschenden Lernen.

Im Gegenteil.

Fachwissen, gute Materialien und die Begleitung durch die Lehrkraft gehören dazu.

Entscheidend ist eher, wann etwas angeboten wird und woran es anknüpfen kann.

Wenn ein Kind vorher selbst gesehen hat, dass sich der Körper einer Kaulquappe verändert, bekommt ein Begriff plötzlich eine Funktion. Er benennt etwas, das bereits wahrgenommen wurde.

Das Wort hängt dann nicht in der Luft.

Beim Lebenszyklus des Frosches wird das sehr konkret

Vielleicht mag ich dieses Thema auch deshalb so gern.

Beim Lebenszyklus des Frosches gibt es ständig etwas, das sich verändert.

Aus dem Laich entwickelt sich eine Kaulquappe.

Später werden Beine sichtbar.

Der Körper verändert seine Form.

Der Schwanz wird zurückgebildet.

Und diese Veränderungen laufen nicht bei jedem Tier exakt gleich schnell ab.

Für Kinder steckt darin viel mehr als eine Reihenfolge aus fünf Bildern.

Sie können beobachten.

Warten.

Etwas zeichnen.

Am nächsten Tag noch einmal nachsehen.

Zwei Entwicklungsstadien nebeneinanderlegen.

Und irgendwann entsteht vielleicht eine Frage, die vorher gar nicht vorgesehen war.

Genau dort möchte ich als Lehrkraft nicht sofort alles erklären müssen.

Ich kann zunächst helfen, die Beobachtung genauer zu machen.

Was siehst du wirklich?

Was hat sich verändert?

Woran erkennst du das?

Und wie passt diese Beobachtung zu dem, was wir vorher gesehen haben?

Später braucht es selbstverständlich Fachwissen. Aber dann trifft dieses Wissen auf etwas, das für das Kind bereits eine Bedeutung bekommen hat.

Die Lehrkraft beobachtet ebenfalls

Wenn Kinder forschen, beobachten also nicht nur die Kinder.

Auch die Lehrkraft schaut genau hin.

Nicht auf die Kaulquappe, sondern auf den Lernprozess.

Was hat dieses Kind schon verstanden?

Woran hält es gerade fest?

Wo taucht eine neue Frage auf?

Wann hilft ein kleiner Impuls?

Und wann ist es besser, noch einen Moment nichts zu sagen?

Ich finde diese Form der Begleitung sehr aktiv.

Vielleicht sogar aktiver, als wenn ich eine fertige Erklärung vortrage.

Denn ich muss immer wieder entscheiden, was dieser konkrete Moment gerade braucht.

Das gelingt nicht jedes Mal perfekt. Das muss es vermutlich auch nicht.

Aber allein die Frage verändert schon meinen Blick auf Unterricht.

Begleiten statt vorgeben

Bei der Entwicklung von LOIA BALOIA beschäftigt mich genau diese Balance.

Kinder brauchen Struktur, gutes Material und fachliche Orientierung.

Gleichzeitig möchte ich ihnen nicht jede Beobachtung, jede Frage und jeden gedanklichen Schritt vorwegnehmen.

Eine Lernumgebung kann dabei helfen.

Sie kann Möglichkeiten zum Beobachten, Festhalten und Vergleichen anbieten und der Lehrkraft gleichzeitig genug Orientierung geben, um den Prozess sicher zu begleiten.

Für mich bedeutet Forschendes Lernen deshalb nicht, weniger zu unterrichten.

Es bedeutet eher, genauer darüber nachzudenken, wann meine Erklärung wirklich weiterhilft – und wann ein Kind noch einen Moment braucht, um selbst weiterzudenken.

Loia Baloia
Lernumgebungen für nachhaltiges Verstehen in der Grundschule.

Weiterlesen -> Forschendes Lernen in der Grundschule: Struktur schafft Freiraum
Passend zu diesem Thema -> Lebenszyklus Frosch – Unterrichtseinheit | Forschendes Lernen

Eine Unterrichtseinheit für den Sachunterricht der Grundschule, in der Kinder Veränderungen beobachten, dokumentieren und vergleichen können – begleitet von Materialien und einem didaktischen Rahmen für die Lehrkraft.

Tags: forschendes lernen, sachunterricht, grundschule, lernbegleitung, Rolle der Lehrkraft, wissenschaftliches denken, naturbeobachtung, lebenszyklus frosch

Wenn du den Blog-Artikel magst dann klicke auf das Herz. Das hilft uns zu verstehen, welche Artikel besonders lesenswert sind.


Autor Loia Baloia bietet 120 Materialien für Biologie, Sachunterricht und 15 weitere Fächer an - zum Beispiel:

Kommentare und Fragen von anderen Nutzern
Bitte melde dich an, um einen Kommentar zu hinterlassen.
Bitte beachte auch unsere Datenschutzbestimmungen.