Vom Wolf in der Filterblase

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Vom Wolf in der Filterblase

Oder: Warum Märchen heute erst recht etwas zu sagen haben

Es war einmal das Rotkäppchen. Das allerdings würde heute wohl anders durch den Wald schlendern: Kopfhörer auf, Handy in der Hand, und die mütterliche Warnung vor dem bösen Wolf wäre als mehrminütige Sprachnachricht angekommen, die sie nach wenigen Sekunden abgebrochen hätte. "Ok, Boomer; ich weiß schon, wie ein Wald aussieht." Märchen sind erstaunlich gut aktualisierbare Texte für den Menschen. Wer sie modern deutet, hält sich einen Spiegel vor, der Grimmsch spricht.

Nehmen wir den Wolf, der sich durch viele dieser Geschichten frisst. Die sieben Geißlein sind gut ausgebildete ITler und betreiben Multifaktor-Authentifizierung: Stimme prüfen, Pfote prüfen, erst dann öffnen. Dass der Wolf trotzdem durchkommt, lehrt die unbequeme Wahrheit unserer Gegenwart: Betrüger lernen schneller als Warner.

Auch Rotkäppchen hat es mit einem Scammer zu tun: Sie bemerkt die Anomalien durchaus, erklärt sie sich dann aber selbst weg – ein Verhalten, das jeder kennt, der schon mal eine offensichtlich dubiose Mail mit "wird schon stimmen" geöffnet hat.

Richtig schmerzhaft wird es dann, wenn man auf die Stiefschwestern von Aschenputtel schaut, die ausgemachte Impfskeptiker und Klimawandelleugner sein könnten. Statt die Wirklichkeit zu prüfen, schneiden sie sich lieber Zehe und Ferse ab, damit der Fuß in den Schuh passt. Wer Daten so lange zurechtstutzt, bis sie ins Wunschschema passen, scheitert trotzdem am Ende.

Ob man die Welt nun zu gutgläubig betrachtet oder gewaltsam zurechtbiegt: Ungeprüftes scheitert. Da macht es Sinn, vorab gut abzuwägen und zu planen.

Die drei kleinen Schweinchen sind eine Fallstudie zur Risikokalkulation: Zwei setzen auf Schnelligkeit und das Prinzip "wird schon halten"; eines baut langweilig gründlich, wird dafür aber zur einzigen sicheren Adresse, sobald der Markt (in Gestalt eines hyperventilierenden Wolfs) stresstestet.

Auch Hänsel und Gretel planen für den Ernstfall. Ihr erstes Rückwegsystem aus Kieselsteinen hält, ihr zweites aus Brotkrumen hat jedoch eine kritische Sicherheitslücke: es ist essbar. Wer heute keine Backups anlegt oder Passwörter auf Post-its am Gerät klebt, lebt in seiner persönlichen Brotkrummenphase.

Rapunzels Turm schließt dann den Kreis um den Leser und zieht eine Mauer hoch. Ein perfekt kontrollierter geschlossener "Walled Garden" mit genau einem Systemzugang, über den ausschließlich die Administratorin bestimmt. Doch auch diese Closed Source Systeme sind knackbar, wenn der Prinz die Architektur mit einem Netzwerkpenetrationstest knackt. Jede abgeschottete Umgebung erzeugt ihre eigenen Hintertüren; wer Kinder, Mitarbeitende oder Lernende in Turmzimmer ohne Tür sperrt, produziert eben doch keine Sicherheit.

Uns bleibt die nüchterne Erkenntnis, dass die Qualität dessen, was wir entwickeln, sich allzu oft erst zeigt, wenn es darauf ankommt. Doch selbst das solide Steinhaus schützt nicht vor der gefährlichsten Versuchung der Menschheit: dem Wunsch nach Mehr.

Beim Fischer und seiner Frau eskaliert der persönliche Wunschzettel und Karriereweg. Vom ersten eigenen Häuschen geht es zum prächtigen Schloss; die Fischer befördert das Butt-Management bis hin zur Kaiserkrone. Erst das Ansinnen, wie Gott zu sein, führt zum vorzeitigen Karriereende und direkt zurück in den alten Schuppen. Ilsebill ist ein selbstdestruktives System ohne Abbruchkriterium und damit unanständig nah an allem, was auch heute endlos skaliert: Konsum, Karriere, Wachstumserwartung.

Die drei Wünsche erzählen dieselbe Geschichte im Kleinen. Eine Abfolge von drei Schnellschüssen sorgen für den Totalverlust. Es bleibt null Nettogewinn an der Wunschbörse, aber immerhin eine unvergessliche Nasengeschichte. Größenwahn und Bratwurst ermahnen uns zu Selbstregulation, an der wir regelmäßig versagen.

Bleibt die Frage, was einen aus all diesen Miseren und Katastrophen der Gegenwart wieder herausholt. Märchen antworten erstaunlich einhellig: nicht zu erfindende Technologien und Zauberei, sondern Haltung und Geistesgegenwart.

Gretel ähnelt uns heute in unserer erlernten Hilflosigkeit angesichts der Klimakrise. Was sollen wir schon tun? Sie dient der bösen Hexe trotz der Erkenntnis des eigenen Untergangs, handelt aber zuletzt geistesgegenwärtig und schiebt die Hexe in den Ofen; ihre Kompetenz entsteht durch die Krise. Das kann auch uns Mut machen.

Die Prinzessin im Froschkönig muss zwar von ihrem Vater an ihr unbequemes Versprechen erinnert werden; doch dann versucht sie sich mit Innovationsgeist und ganz ungewöhnlichen Methoden an einer Lösungsfindung. Da löst sich der Fluch und verwandelt sich der Frosch.

Die Königin bei Rumpelstilzchen rettet ihr Kind nicht durch Gold und Geld, sondern durch beharrliche Aufklärungsarbeit und das Zusammentragen von Wissen. Ein Detail, das zur richtigen Zeit am richtigen Waldrand erkannt wurde, wird zur Rettung in der Not.

Selbst die drei Spinnerinnen, die das faule Mädchen retten, tun dies weniger durch ihre Arbeit als durch das Aufzeigen von sozialen Problemen. Sie werden bei den zuständigen Stellen der Politik vorstellig und präsentieren ihre Verunstaltungen beim Hochzeitsfest als Berufsunfall durchs Spinnen, worauf der Prinz der jungen Frau das Spinnen für immer verbietet. Problem gelöst durch Vereinstätigkeit und kluges Framing.

Zieht man die Fäden zusammen, ergibt sich ein erstaunlich stimmiges Handbuch: Prüfe mehrfach, bevor du klickst, schneide dich nicht zurecht, damit du passt. Baue, was Stürme aushalten soll, stabil nach DIN-Norm. Definiere, wann genug ist, bevor dir die Wurst an der Nase festwächst. Und rechne in Krisen nicht mit Wundern, sondern tue mit Verstand, was du selbst noch tun kannst.

Märchen zeitgemäß zu deuten heißt, ihre alte Weisheit durch die Gegenwart hindurch sprechen zu lassen. Der Wolf hat einen Avatar, die Großmutter ein Smartphone und die Wurst wächst heute an Börsenkursen fest; die Fragen indes sind geblieben: Wem vertraue ich? Was verspreche ich? Wann ist genug? Und wie bekomme ich das Ding wieder von der Nase? Darin liegt das enorme Potential verstaubter Märchen.

Und wenn sie nicht gelöscht wurden, dann deuten wir sie noch heute.

Wer nun Lust bekommen hat, den Quellcode dieser Geschichten nicht nur inhaltlich, sondern auch in seiner sprachlichen Mechanik zu knacken: Genau hier setzt das märchenhafte Arbeitsheft zur integrativen Sprachuntersuchung an. So wie ein robustes Haus aus Stein gebaut sein will, braucht auch das beste Narrativ ein solides Fundament. Grammatik wird in diesem Material als der eigentliche Maschinenraum des Erzählens erkundet. Ein Blick in diese handfeste sprachliche Werkzeugkiste lohnt sich. Ganz ohne das Risiko, dass einem am Ende ein unbedachter Nebensatz an der Nase festwächst.

Tags: deutsch, marchen, grammatik, satzglieder bestimmen, wortarten, satzglieder, syntax, deutung

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