Eine Lernstandserhebung zum Schulstart kann helfen, nach den Ferien einen ersten Überblick zu bekommen: Was sitzt noch sicher? Wo bestehen Lücken? Und an welchen Stellen lohnt es sich, im neuen Schuljahr noch einmal anzusetzen?
Gerade in der Sekundarstufe I finde ich dabei einen Gedanken besonders wichtig:
Eine Lernstandserhebung muss sich nicht wie die erste Klassenarbeit des neuen Schuljahres anfühlen.
Der erste Schultag ist vorbei, Bücher und Hefte sind verteilt und langsam beginnt wieder der Fachunterricht.
Auf dem Papier startet die ganze Klasse gemeinsam.
In der Realität können die Voraussetzungen sehr unterschiedlich sein.
Manche Schülerinnen und Schüler erinnern sich noch sicher an zentrale Inhalte des vergangenen Schuljahres. Andere benötigen nur einen kleinen Impuls. Wieder andere haben bestimmte Grundlagen nie vollständig verstanden oder über die Ferien schlicht vergessen.
Das ist zunächst einmal keine ungewöhnliche Situation.
Für die Unterrichtsplanung entsteht daraus aber eine wichtige Frage:
Wo steht meine Lerngruppe eigentlich gerade?
Direkt mit dem nächsten großen Thema weiterzumachen, kann funktionieren. Manchmal zeigt sich aber erst einige Wochen später, dass Voraussetzungen fehlen, auf denen der neue Stoff eigentlich aufbauen sollte.
Eine kurze Lernstandserhebung zu Beginn kann deshalb Orientierung geben.
Ich halte die Unterscheidung zwischen Diagnose und Bewertung für besonders wichtig.
Wenn Lernende bei jeder Aufgabe sofort das Gefühl haben, benotet zu werden, verändert sich die Situation.
Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, sichtbar zu machen, was bereits funktioniert und wo Unterstützung sinnvoll wäre. Stattdessen entsteht Prüfungsdruck.
Gerade am Schuljahresbeginn finde ich deshalb Formate interessant, bei denen zunächst das Können im Mittelpunkt steht:
Was erkenne ich?
Was kann ich anwenden?
Was kann ich bereits auf eine neue Situation übertragen?
Und wo brauche ich noch Hilfe?
Das Ergebnis muss nicht zwingend eine Note sein. Es kann zunächst einmal eine Arbeitsgrundlage für die nächsten Wochen sein.
Für mich sollte ein Basisscreening vor allem übersichtlich sein.
Nicht möglichst viele Aufgaben sind entscheidend, sondern Aufgaben, aus denen sich tatsächlich etwas ablesen lässt.
Ich würde dabei auf drei Ebenen achten:
Erkennen:
Grundbegriffe, Regeln, Verfahren oder Zusammenhänge wiedererkennen und wiedergeben.
Anwenden:
Bekanntes Wissen selbstständig auf typische Aufgaben übertragen.
Übertragen:
Gelerntes in einem leicht veränderten Zusammenhang nutzen.
Dadurch entsteht ein differenzierteres Bild als durch die einfache Frage: „Richtig oder falsch?“
Ein Schüler kann beispielsweise einen Fachbegriff kennen, aber Schwierigkeiten bei seiner Anwendung haben. Eine andere Schülerin beherrscht ein Verfahren grundsätzlich, scheitert jedoch bei einer ungewohnten Aufgabenstellung.
Genau solche Unterschiede sind für die weitere Unterrichtsplanung interessant.
Eine Lernstandserhebung muss aus meiner Sicht auch kein kompletter Unterrichtstag sein.
Gerade zum Schulstart konkurrieren viele Dinge miteinander: Organisatorisches, Kennenlernen, neue Stundenpläne, Regeln, Bücher, erste Fachstunden und häufig auch neue Lerngruppen.
Deshalb finde ich kompakte Screenings sinnvoller als einen umfangreichen Test über sämtliche Inhalte des Vorjahres.
Ein gutes Screening stellt nicht die Frage:
„Was können meine Schülerinnen und Schüler alles?“
Sondern eher:
„Welche grundlegenden Kompetenzen brauche ich für meinen nächsten Unterricht – und sind diese vorhanden?“
Das macht die Ergebnisse unmittelbar nutzbar.
Eigentlich beginnt der wichtigste Teil erst nach der Durchführung.
Eine Lernstandserhebung ist nur dann wirklich hilfreich, wenn aus den Ergebnissen eine Konsequenz entsteht.
Vielleicht zeigt sich, dass fast die gesamte Klasse einen Bereich sicher beherrscht. Dann kann dieser Inhalt knapp wiederholt werden.
Vielleicht gibt es zwei oder drei typische Schwierigkeiten. Dann können sie gezielt aufgegriffen werden.
Oder die Unterschiede innerhalb der Klasse sind groß. Dann kann Differenzierung sinnvoller sein als eine gemeinsame vollständige Wiederholung.
Für mich liegt genau darin der eigentliche Wert einer Lernstandserhebung:
Nicht möglichst viele Fehler finden, sondern bessere Entscheidungen für den nächsten Unterricht treffen.
Mich würde interessieren, wie ihr damit umgeht.
Führt ihr zum Schuljahresbeginn Lernstandserhebungen durch?
Arbeitet ihr dabei mit klassischen Tests, kurzen Diagnoseaufgaben, Wiederholungsstunden oder eher mit Beobachtungen während der ersten Unterrichtswochen?
Und bekommen eure Schülerinnen und Schüler vorher ausdrücklich gesagt, dass es dabei zunächst um eine Standortbestimmung und nicht um eine Bewertung geht?
Ich beschäftige mich bei History&Politics aktuell intensiv mit Basisscreenings für die Sekundarstufe I und finde gerade die Frage spannend, wie viel Diagnose am Schuljahresbeginn hilfreich ist, ohne die erste Unterrichtswoche direkt in eine Prüfungssituation zu verwandeln.
Vielleicht können wir hier ein paar unterschiedliche Erfahrungen und Ideen aus der Praxis sammeln.
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