Rechte Radfahrer? Die Welt ist kompliziert

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Die Welt ist kompliziert.

Oder: Was rechte Radfahrer, Filterblasen und der Wunsch nach dem geistigen Kuscheltier gemeinsam haben

Mein Drucker hat heute Morgen ein Software-Update verlangt, um mir mitzuteilen, dass die magentafarbene Patrone zu leer ist, um ein schwarz-weißes Arbeitsblatt zu drucken. In genau solchen Momenten der vollkommenen technologischen Bevormundung spüre ich sie dann doch tief in mir aufsteigen: die ur-menschliche Sehnsucht danach, einfach mal auf den Tisch zu hauen. Wenn die Welt unübersichtlich wird, wächst der Wunsch nach dem großen, ordnenden Befreiungsschlag.

Genau an diesem Punkt der alltäglichen Ohnmacht kommt man dann doch ins Grübeln. Woher kommt dieser Wunsch nach einem ordnenden Helfer? Hier setzten vor knapp 100 Jahren ein paar kluge Köpfe der Frankfurter Schule an. Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Erich Fromm fragten sich angesichts des aufziehenden Faschismus, warum Menschen sich freiwillig in die Arme von Diktatoren werfen. Es liegt wohl kaum an den zielführenden Ideen oder der rhetorischen Brillanz der Demagogen. Die Erkenntnis der Forscher: Es ist die Angst vor dem Kontrollverlust, die uns für das Autoritäre so anfällig macht.

Erich Fromm hat für dieses Phänomen das Bild des „Radfahrers“ geprägt. Dieser Sport war ihm wohl eine fragwürdige Form der Stressbewältigung. Der Radler duckt sich nämlich nach oben und tritt nach unten. Wenn man sich vom Weltmarkt, dem rasanten gesellschaftlichen Wandel oder eben dem streikenden Drucker klein und unbedeutend gemacht fühlt, sucht man sich intuitiv jemanden, der noch kleiner ist. Der autoritäre Charakter ist psychologisch betrachtet der tragische Versuch, die eigene innere Hilflosigkeit durch das Dominieren anderer auszugleichen. Das aber ist ein Nullsummenspiel der Seele, das für die Zielscheiben dieses Frusts oft verheerende Folgen hat.

Theodor W. Adorno setzte später im amerikanischen Exil noch einen drauf und entwickelte die F-Skala. Das war gewissermaßen der erste wissenschaftliche Persönlichkeitstest für latente Diktatur-Fans. Er fragte seine Probanden natürlich nicht direkt: „Würden Sie morgen gerne die Demokratie abschaffen?“ Er fragte stattdessen indirekt, ob zum Beispiel unbedingter Gehorsam die wichtigste Tugend für Kinder sei. So viel sei verraten: das Potential für autoritäre Strömungen ist sehr viel höher als Sie jetzt vielleicht denken.

Heute brauchen wir für unsere autoritären Sehnsüchte oft nicht einmal mehr einen physischen Anführer. Die Unterwerfung hat sich erfolgreich digitalisiert, wie auch der Leipziger Sozialpsychologe Oliver Decker aufzeigt. Wir kuscheln uns in unsere algorithmisch beheizten Filterblasen, die digitalen Wagenburgen, verschmelzen wohlig mit der eigenen Empörungsgruppe und machen die Schotten dicht. Wenn die Realität zu anstrengend wird, ist die kollektive Realitätsverleugnung ein verlockendes Wellness-Programm für die überforderte Seele.

Faschismus, so das Fazit der Forscher, kann alle treffen. Man darf Rechtsradikalismus nicht aufgrund des geringen geistigen Tiefgangs unterschätzen. Gerade das chronisch von Abstiegsängsten geplagte Kleinbürgertum ist besonders anfällig für faschistische Propaganda. Rechte Bewegungen können so auch schnell zu angstgetriebenen Selbstläufern mit gehöriger Massenwirkung werden.

Was also tun gegen den inneren Radfahrer, der in Krisenzeiten in uns allen weckbar ist? Zunächst einmal: absteigen. Die Welt ist komplex, widersprüchlich und an manchen Tagen so anstrengend wie eine Kafka-Lektüre am frühen Montagmorgen. Aushalten zu können, dass es nicht auf jede Frage eine einfache Antwort gibt, nennt man Ambiguitätstoleranz. Das klingt nach schwerer Arbeit, ist aber das mit Abstand beste Workout gegen autoritäre Reflexe. Und wenn die Welt (oder der Drucker) das nächste Mal wieder völlig unberechenbar wird? Tief durchatmen – und lieber ein Buch lesen, als nach dem starken Mann zu rufen. Und vor allem: aufstehen und mitmachen. Ohnmacht verschwindet nicht durch das Warten auf einen starken Mann. Und Demokratie ist keine Konsumveranstaltung. Wer die Lage der Demokratie nur beklagt, macht es den Autoritären leicht. Wer sie gestaltet, kann dem Autoritarismus die Stirn bieten. Also: ab vom Sofa, hin zum Mitmachen – in der Kommunalpolitik, dem ehrenamtlichen Sportverein, dem Gespräch am Zaun.

Wer mag, kann mit der Politik-Werkstatt einen kleinen Anfang machen und die Mechanismen des autoritären Charakters beleuchten. Die Welt ist im Wanken, die Algorithmen sind gegen uns, und der eine Onkel beim Familienfest hält den Weltuntergang in seinen Bubbles Tag für Tag per Messenger ab. Statt das nur zu beklagen, kann man ja anfangen sich einzumischen, Resilienz bilden und der Propaganda der ängstlichen Seelen etwas entgegensetzen.

Tags: politik, autoritarismus, faschismus, rechtsradikalismus

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