Liebe Lehrende,
SUKI ist keine klassische Geschichte. Der Roman vertraut der Wahrnehmung, dem Unspektakulären, den leisen Verschiebungen zwischen Menschen. Gerade darin wollte ich Fragen nach Identität, Isolation, Brüchen und Fürsorge in einer zunehmend unzuverlässigen Weltsichtbar machen.
Er erzählt davon, wie notwendig erfahrbare Nähe ist. Gerade dort, wo sie unwahrscheinlich scheint. Zwischeneiner Jugendlichen, die niemanden erwartet, und einer Lehrerin, die sich nichts mehr zu erhoffen erlaubt. Zwei Frauen, verbunden durch eine Sehnsucht, die nicht nach großen Lösungen verlangt, sondern nach etwas Elementarem: dass jemand bleibt. Nicht durch Erklärungen, sondern durch das stille Aushalten.
Ich glaube, dass heute stärkerauf Verlässlichkeit, Wiederkehr und das Bleiben geschaut werden muss. Denn vieles ist brüchig geworden. Nicht nur außen, sondern auch innen. Wir leben mit einer Stimmung, die bereits in viele Biografien eingesickert ist. Nicht als abstrakte Statistik, sondern als Grundton im Alltag, als permanentes Vorausdenken, als Sorge vor einer Zukunft, die nicht mehr wie ein Versprechen wirkt.
Krisen bleiben selten außen. Sie ziehen ein, sie werden innen, und dort in der Stille wächst ein Lärm, der zuerst im eigenen Kopf ist. Sorge kippt dann in permanente Anspannung, ins Alltägliche; als Normalzustand. Wer lange genug in solchen inneren Räumen lebt, beginnt sich selbst zu misstrauen. Das Denken wird zur Dauerschleife, das Gefühl zur Ermattung, und beides wirkt zugleich: zu wach und zu müde.
Gerade Jugendliche trifft das empfindlich. Der Einfluss der Krisenjahre auf ihre psychische Gesundheit ist spürbar gewachsen. (siehe weiterführende Quellen) Nicht als abstrakte Statistik, sondern als Grundton im Alltag, als permanentes Vorausdenken, als Sorge vor einer Zukunft, die nicht mehr wie ein Versprechen wirkt. Flucht, Pandemie, Klima, Krieg: Diese Bedrohungen erscheinen selten als konkretes Ereignis, sondern als Grundrauschen; wie ein Summen in der Leitung, das nicht verstummt. Die Katastrophe ist nicht mehr der Punkt, an dem etwas geschieht. Sie ist der Hintergrund, vor dem allespermanent passiert.
Hinzu kommt die soziale Dynamik der Gegenwart. Kontakte entstehen rasch, verdichten sich scheinbar über Nacht und können ebenso schnell erkalten, verschwinden, sich in Schweigen auflösen. Einsamkeit löst sich nicht durch ständige Erreichbarkeit. Wo Beziehungen ständig in Bewegung sind, wird Vertrauen zur knappen Ressource. Wo Vertrauen fehlt, schwindet auch das Zutrauen in sich selbst, und die Anfälligkeit für falsche Versprechen, für Zugehörigkeiten, Ideologien oder bloße Ablenkung wächst. Hinter vielem steht ein einfaches menschliches Bedürfnis: dass etwas bleibt.
So kippt die Wahrnehmung in ein existenzielles Gefühl. Man steht in einer Unbestimmtheit, die jede Anstrengung ausfranst. Ein Nebel ohne Konturen.
Wenn man heute über Jugend und psychische Gesundheit spricht, sollte man daher vorsichtig sein mit der Idee, es gehe „nur" um Resilienz oder Medienkompetenz. Es geht um etwas Fundamentaleres: um Verlässlichkeit, um Räume, in denen sich Zeit wieder wie Zeit anfühlt und nicht wie ein endloser Alarm. Um erwachsene Gegenüber, die nicht moralisieren, sondern aushalten.
Denn das, was die Permanenz von Krisen wirklich anrichtet, ist selten spektakulär. Es ist das langsame Abtragen von Vertrauen. Und vielleicht ist genau das die Diagnose dieser Jahre: nicht die Aufzählung der Ausnahmezustände, sondern das Gefühl, dass die Welt zu selten innehält, zu selten repariert, zu selten tröstet. Und damit zu oft so tut, als sei Hoffnung etwas, das man sich allein erarbeiten müsse.
Es braucht Beziehungen, die nicht von Geschwindigkeit leben, sondern von Wiederkehr. Denn daraus entsteht Perspektive; und die ist entscheidend. Um sich zu spüren, nicht nur flüchtig, sondern für das Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit.
SUKI gibt darauf keine Antworten. Die müssen erarbeitet werden. Aber der Roman hält inne. Und vielleicht ist das, was er anbietet: eine Pause im Lärm.
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