Jedes Jahr, wenn der Mai sich dem Juni nähert, öffnet sich im Schulkalender ein kleines Fenster voller pädagogischer Möglichkeiten, das viele von uns – gerade im sonderpädagogischen Alltag – allzu schnell als „Feiertags-Lücke" erleben: Christi Himmelfahrt, Pfingsten, Fronleichnam. Drei Feste, die innerhalb weniger Wochen aufeinanderfolgen, inhaltlich tief miteinander verwoben sind und dennoch im Unterricht oft isoliert voneinander behandelt werden – oder schlimmer noch: gar nicht.
Als Sonderpädagogin im Fach Religion habe ich in den letzten Jahren gelernt, diese Zeit als eine der reichhaltigsten des gesamten Schuljahres zu begreifen. Nicht trotz der Heterogenität meiner Lerngruppen, sondern gerade wegen ihr.
Bevor ich in die methodisch-didaktische Praxis gehe, möchte ich kurz auf das eingehen, was ich für das Fundament jeder guten Unterrichtsplanung halte: das inhaltliche Verständnis der Feste in ihrem Zusammenhang.
Christi Himmelfahrt (40 Tage nach Ostern) erzählt vom Abschied Jesu – und das ist pädagogisch Gold. Ein Abschied, der kein Ende bedeutet, sondern eine Übergabe. Die Jünger stehen ratlos, schauen in den Himmel, und dann passiert etwas Entscheidendes: Sie gehen los. Das Fest ist also nicht nur ein „Weggang", sondern ein Aufbruch-Impuls.
Pfingsten (50 Tage nach Ostern, 10 Tage nach Himmelfahrt) schließt diese Lücke des Wartens mit einem dramatischen Ereignis: Feuer, Wind, Sprachengewirr – und plötzlich verstehen sich alle. Das Fest der Kirche, ja, aber für unsere Schülerinnen und Schüler vor allem: ein Fest der Kommunikation, der Gemeinschaft, des Mutig-Werdens.
Fronleichnam (60 Tage nach Ostern) ist das jüngste der drei Feste und das konkreteste: Brot, Prozession, Straße. Glaube, der sichtbar wird. Glaube, der geht und sich zeigt.
Zusammen erzählen die drei Feste eine Bewegung: von der Trauer über das Warten zur Kraft, von der Innerlichkeit zur Gemeinschaft, vom Unsichtbaren zum Sichtbaren. Das ist eine Dramaturgie, die auch Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf unmittelbar verstehen und fühlen können – wenn wir die richtigen Zugänge wählen.
Im sonderpädagogischen Kontext arbeite ich mit Lernenden, deren Förderbedarfe sehr unterschiedlich sind: Sprache und Kommunikation, geistige Entwicklung, emotionale und soziale Entwicklung, Lernen. Was sie gemeinsam haben, ist oft mehr, als wir annehmen.
Aus meiner Erfahrung sind es genau diese drei Qualitäten der Festtage, die auch für heterogene Lerngruppen besonders zugänglich sind:
1. Konkretheit – alle drei Feste haben starke, greifbare Bilder: der Himmel, Flammen, eine Taube, ein Laib Brot, eine bunte Prozession auf der Straße. Das sind keine abstrakten Theologeme, sondern Bilder, die man malen, kneten, nachspielen, fotografieren kann.
2. Emotionale Resonanz – Abschied, Angst, Warten, plötzliche Kraft, Freude, Gemeinschaft. Diese emotionalen Grundsituationen kennen alle Kinder aus ihrem eigenen Leben. Religionsunterricht, der hier andockt, ist relevanter Unterricht.
3. Soziale Dimension – gerade Pfingsten und Fronleichnam sind gemeinschaftliche Feste. Sie eignen sich hervorragend für kooperative Lernformen, Projekte, die über den Klassenraum hinausgehen, und für die Verbindung von Schule und Lebenswelt.
Abschied ist eines der universellsten menschlichen Themen – und eines, das viele meiner Schülerinnen und Schüler sehr gut kennen. Schulwechsel, Trennungen, Verluste. Das Evangelium zum Himmelfahrtsfest bietet eine Möglichkeit, über Abschiede zu sprechen, die nicht das Ende bedeuten.
Konkrete Unterrichtsideen:
Abschiedsbriefe schreiben oder diktieren: Was würdest du jemandem sagen, den du liebst, bevor du gehst? Schülerinnen und Schüler, die nicht schreiben können, können ihren Brief malen oder als Sprachaufnahme festhalten. Die Briefe können anonym in einer „Abschiedsbox" gesammelt werden.
Himmelsfenster gestalten: Transparentpapier, Fensterfarben oder einfache Wasserfarben – Kinder gestalten ihr eigenes „Himmelbild". Was denken sie, ist im Himmel? Was wünschen sie sich dort? Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt, Differenzierung ist natürlich eingebaut.
Die Geschichte nachspielen: Ein kurzes Rollenspiel der Himmelfahrtsszene, gerne mit minimalem Material. Wer sind die Jünger? Wie fühlen sie sich? Was machen sie danach?
Verknüpfung mit dem Vatertag: In Deutschland fällt Christi Himmelfahrt mit dem Vatertag zusammen – eine gute Gelegenheit, über Väter, Familien und Fürsorge zu sprechen, ganz ohne konfessionelle Enge.
Wer für Christi Himmelfahrt ein direkt einsetzbares, differenziertes Materialpaket sucht, das all diese Themen kompakt aufgreift, wird hier fündig:
– das Paket ist für Förder- und Grundschule konzipiert und lässt sich ohne großen Vorbereitungsaufwand in die Unterrichtseinheit integrieren.
Pfingsten ist mein persönliches Lieblingsfest im Unterricht – und das hat einen Grund: Es ist das inklusivste Fest des christlichen Jahres. In der Pfingsterzählung verstehen sich Menschen, obwohl sie unterschiedliche Sprachen sprechen. Niemand muss sich anpassen. Der Heilige Geist kommt zu allen.
Für Lerngruppen mit großer sprachlicher Diversität, mit Kindern mit DaZ-Hintergrund, mit unterstützter Kommunikation – Pfingsten ist buchstäblich für euch gemacht.
Konkrete Unterrichtsideen:
Viele Sprachen, eine Botschaft: Kinder lernen „Friede" oder „Freude" oder „Hallo" in möglichst vielen Sprachen, die in der Klasse vertreten sind. Das kann als Plakat, als Klangteppich oder als kleines Buch gestaltet werden. Kinder, die Gebärdensprache nutzen, zeigen ihre Version. Kinder mit AAC-Geräten sprechen für die Gruppe.
Feuersymbole gestalten: Rote und orangefarbene Papierstreifen, Fingerfarben, Seidenpapier – die Feuerzungen von Pfingsten lassen sich auf unendlich viele Arten darstellen. Ein gemeinsames Feuer-Kunstwerk für die Klasse entsteht durch die Beiträge aller.
Mut-Momente sammeln: Die Jünger gehen von der Angst zur Courage. Was hat euch schon einmal mutig gemacht? Eine einfache Reflexionsrunde oder ein illustriertes Mut-Buch.
Die Taube als Symbol: Die Taube des Heiligen Geistes ist ein Klassiker – aber gut eingesetzt ein sehr wertvoller. Tauben falten, zeichnen, aus Ton modellieren, und dazu überlegen: Was bedeutet es, wenn jemand wie eine Taube ist? Sanft, friedlich, frei?
Für Pfingsten empfehle ich zwei Materialien, die ich selbst sehr schätze und die unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Das erste arbeitet mit Comic und interaktiver Hörspur und ist damit besonders für Schülerinnen und Schüler geeignet, die über auditive und visuelle Kanäle am besten lernen – für Klasse 1 bis 5, einsetzbar in Förder- und Grundschule sowie Sek I:
Das zweite Paket legt den Schwerpunkt auf die Pfingstgeschichte und den Heiligen Geist mit stark differenziertem Material für eine sehr breite Altersspanne von Klasse 1 bis 7 – ideal, wenn ihr in jahrgangsübergreifenden oder sehr heterogenen Gruppen arbeitet:
Das eine für den emotionalen und narrativen Einstieg, das andere für die vertiefte Auseinandersetzung mit dem theologischen Kern.
Fronleichnam ist das Fest, das am nächsten an der sinnlichen Erfahrung liegt – und sinnliche Erfahrung ist bekanntlich eines der wichtigsten Lernprinzipien in der sonderpädagogischen Förderung. Riechen, schmecken, anfassen, mitgehen: Das sind keine netten Extras, sondern für viele meiner Schülerinnen und Schüler die eigentlichen Lernkanäle.
Konkrete Unterrichtsideen:
Brot backen: Brot ist das zentrale Symbol von Fronleichnam (und natürlich der Eucharistie). Gemeinsam Brot zu backen ist eine der wirkungsvollsten religiösen Handlungen, die man im Schulkontext vollziehen kann. Der Geruch, das Kneten, das Warten, das Teilen – das ist gelebte Theologie. Für Schülerinnen und Schüler mit motorischen Einschränkungen gibt es Teigvarianten, die sehr leicht zu handhaben sind.
Eine Schulprozession gestalten: Eine kleine, eigene „Prozession" durch den Schulflur oder den Schulhof – mit selbst gemalten Bildern, Blumen, vielleicht Musik. Das klingt schlicht, ist aber für viele Kinder ein unvergessliches Erlebnis. Glaube, der sich bewegt.
Blumenteppiche legen: In vielen Regionen werden zu Fronleichnam Blumenteppiche auf die Straße gelegt. Das kann wunderbar vereinfacht nachgemacht werden: Blütenblätter, farbiges Papier, Kreide auf dem Schulhof. Gemeinsam etwas Schönes für alle schaffen, das danach wieder vergeht – das hat auch eine tiefe spirituelle Dimension.
Wer teilt, dem bleibt mehr: Eine Reflexionseinheit über das Teilen. Was teile ich gerne? Was fällt mir schwer zu teilen? Und die überraschende Erkenntnis: Wenn wir Freude teilen, wird sie mehr, nicht weniger.
Für Fronleichnam gibt es ein wunderbares Material, das die Vorgeschichte des Festes über die kleine Juliana von Lüttich als Comic erzählt – mit Aufgaben, die für Förder- und Grundschule sowie Sek I (Klasse 1–5) geeignet sind. Die Comicform macht das Fest auch für Schülerinnen und Schüler zugänglich, die sich mit abstrakten Erklärungen schwertun, und die Figur der Juliana bietet einen menschlichen, kindnahen Einstieg in ein Fest, dessen Hintergrund viele Erwachsene selbst kaum kennen:
Abschließend möchte ich noch einige übergreifende Prinzipien teilen, die meine Arbeit mit diesen Festtagen in heterogenen Gruppen leiten:
Ritualisierung und Wiederholung: Ein kleines Eröffnungsritual – das gleiche Lied, die gleiche Kerze, die gleiche Frage „Was feiern wir heute?" – schafft Sicherheit und Orientierung, besonders für Kinder mit erhöhtem Sicherheitsbedürfnis.
Multisensorische Zugänge von Anfang an planen: Nicht als Nachbesserung für „die mit Förderbedarf", sondern als grundlegende Unterrichtsplanung. Was kann ich hören, riechen, anfassen, schmecken, sehen?
Offene Produkte statt einheitlicher Ergebnisse: Jedes Kind gestaltet seinen Himmel, seine Taube, sein Brot-Bild auf seine Weise. Der Wert liegt im Prozess und in der persönlichen Bedeutung, nicht in der optischen Einheitlichkeit.
Eltern und Familien einbeziehen: Gerade religiöse Feste sind tief im Familienleben verankert – oder auch gar nicht. Beides ist gut. Hausaufgaben wie „Fragt zu Hause, ob es in eurer Familie ein Fest zu Pfingsten gibt" öffnen Gespräche und schätzen kulturelle Vielfalt.
Feste als Thema – nicht als Dekoration: Der Kalender gibt uns den Anlass, aber die Tiefe entsteht im echten Nachdenken: Was bedeutet Abschied? Was macht mir Mut? Was teile ich gerne? Das sind Fragen für alle Menschen, unabhängig von Konfession und Förderbedarf.
Ich weiß, dass der Mai und Juni für viele von uns eine anstrengende Zeit ist. Klassenfahrten, Zeugnisse, der nahende Schuljahresabschluss. Die Feiertage fühlen sich manchmal eher wie logistische Herausforderungen an als wie pädagogische Chancen.
Aber ich lade euch ein: Nehmt euch diese drei Wochen bewusst vor. Plant die Einheit so, dass sie euch selbst etwas bedeutet – denn Religionsunterricht, der Lehrende berührt, berührt fast immer auch Lernende.
Christi Himmelfahrt, Pfingsten, Fronleichnam – das sind keine verschlafenen Feiertage. Das sind Einladungen, mit Kindern und Jugendlichen über die wirklich wichtigen Dinge zu sprechen: Abschied und Neuanfang, Angst und Mut, Gemeinschaft und das Sichtbarmachen von dem, was uns trägt.
Und das können wir – ganz unabhängig davon, ob wir an Feuerzungen glauben oder nicht.
Habt ihr eigene Materialien, Ideen oder Erfahrungen zu diesen Festtagen im inklusiven Unterricht? Teilt sie gerne in den Kommentaren.
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