Erörterungen schreiben zu lassen ist das eine – Schüler:innen dafür zu interessieren das andere. Meine Erfahrung: Je näher ein Thema an ihrer Lebenswirklichkeit und an aktuellen Debatten ist, desto eher sind sie bereit, sich wirklich in Argumente reinzudenken.
Deshalb habe ich ein großes Materialpaket mitsechs aktuellen, schülernahen Erörterungsthemenzusammengestellt. Zu jedem Thema gibt es vier unterschiedliche Materialien (M1–M4) und konkrete Schreibaufträge (linear und dialektisch). In diesem Beitrag stelle ich die Themen kurz vor und zeige, wie man damit im Unterricht arbeiten kann.
Erörterungen mit Informationsmaterial haben gleich mehrere Vorteile:
Sachlicher statt rein meinungsgetrieben: Schüler:innen müssen sich mit Fakten und Positionen auseinandersetzen, statt nur „Ich finde“ zu schreiben.
Lesen + Schreiben verzahnt: Die Arbeit an Argumenten wird automatisch zur Übung im Umgang mit Sachtexten.
Kompetenzorientiert: Behauptung–Begründung–Beispiel (B–Bg–Bsp) plus Materialbezug decken zentrale Anforderungen der Bildungspläne ab.
Alle sechs Themen folgen demselben Grundprinzip:
Vier Materialien aus verschiedenen Perspektiven/Textsorten (z. B. Report, Positionspapier, Feldnotiz, Kolumne).
Schreibaufträge für lineare und dialektische Erörterungen.
Ein gemeinsames Bewertungs- und Arbeitsraster sowie ein Schüler‑Feedbackblatt.
Frage:Sollte es erlaubt sein, aus den Daten Verstorbener Avatare zu Trostzwecken zu erstellen?
Die Materialien beleuchten:
KI‑Rekonstruktion von Stimme und Chatverhalten,
Chancen für Trauerbewältigung,
Fragen nach Einwilligung, Würde und Datenschutz,
Risiken von Missbrauch und Kommerzialisierung.
Typische Pro‑Argumente:Trost, therapeutische Begleitung, freiwillige Nutzung mit klarer Einwilligung.
Typische Contra‑Argumente:Verlängerte Trauer, Authentizitätsproblem, Missbrauchs- und Geschäftsrisiko.
Didaktischer Charme:
Zugang über Serien/Fiktion („Black Mirror“‑Assoziationen sind da), gleichzeitig seriöse Wertefrage: Wie weit darf Technik in intime Bereiche gehen?
Frage:Sollte es im Internet eine Klarnamenpflicht geben, um Hassrede und Cybermobbing effektiv zu bekämpfen?
Materialien liefern:
Studien zu Abschreckung vs. Umgehungsmöglichkeiten,
Bürgerrechtspositionen (Schutz von Whistleblowern, Opposition),
schulnahe Cybermobbing‑Fälle,
Alternativen über Plattformregulierung und verifizierte Identität.
Pro:Verantwortlichkeit, Strafverfolgung, Rückgang anonymer Hetze.
Contra:Gefahr für Schutzräume, leicht zu umgehen, sinnvollere Hebel bei Plattformen.
Unterrichtspotenzial:
Ideales Thema für Medienbildung + Demokratiebildung; lässt sich gut mit konkreten Fällen aus der Lebenswelt der Schüler:innen verbinden.
Frage:Sollte die Technologie der Ektogestation („künstliche Gebärmutter“) eingesetzt werden, um Gleichberechtigung und Gesundheit zu fördern – oder entfremdet sie uns radikal von unserer Natur?
Die Materialien zeigen:
Ektogestation als Brückentechnologie für extrem Frühgeborene,
Gleichstellungsargumente (Care‑Arbeit, Erwerbsbiografien),
Feldnotizen aus der Neonatologie („Bonding findet statt, nur anders“),
ethische Bedenken gegen Marktlogik und Optimierungsdruck.
Pro:Rettung und Gesundheit für Frühgeborene, Entlastung von Schwangeren, Möglichkeit klarer Grenzen.
Contra:Dammbruch zur „Optimierung“, schwierige Grenzziehung, soziale Ungleichheit, Identitäts‑ und Bindungsfragen.
Stärke im Unterricht:
Sehr aktuelles Bio‑/Ethikthema, bietet sich für fächerübergreifende Kooperation mit Biologie oder Ethik/Religion an.
Frage:Ist es moralisch vertretbar, das Genom von Embryonen zu verändern, um schwere Erbkrankheiten auszurotten, obwohl damit die Tür zur optischen Optimierung aufgestoßen werden könnte?
Materialien:
Zeitungsbericht zu CRISPR/Cas und Tierversuchen,
Ethikseminar‑Protokoll (Keimbahn, Gerechtigkeit, Risiken),
Brief einer betroffenen Mutter,
Kommentar eines Medizinethikers („Versuchung der Optimierung“).
Pro:Leidvermeidung, moralische Pflicht zur Hilfe, Position Betroffener, Möglichkeit strenger rechtlicher Grenzen.
Contra:Dammbruch hin zu Designerbabys, unklare Krankheitsdefinitionen, intergenerationelle Risiken, genetische Klassengesellschaft.
Didaktik:
Klassisches Beispiel für „Heilen vs. Verbessern“ – perfekt, um die Struktur einer argumentativen Abwägung einzuüben.
Frage:Ist das Tracken des Standorts von Teenagern per App ein notwendiger Schutz oder ein Vertrauensbruch?
Materialien:
Sicherheits- und Polizeiperspektive,
entwicklungspsychologischer Blick auf Autonomie und Vertrauen,
Streit- und Aushandlungsprotokoll aus einer Familie,
Datenschutz/Tech-Kommentar (Datenweitergabe, Dark Patterns).
Pro:Sicherheit bei Notfällen, Beruhigung, Präventionswirkung.
Contra:Misstrauen, Abhängigkeit, Datenrisiken, gebremste Reifung.
Warum schülernah?
Viele haben solche Apps im Freundeskreis oder zuhause schon erlebt – die Diskussion ist sehr konkret und emotional anschlussfähig.
Frage:Sollte der Schulunterricht in Zukunft nur noch in virtuellen Klassenräumen stattfinden?
Materialien:
Wissenschaftliche Befunde zu Wirksamkeit, Isolation und Altersunterschieden,
Positionspapier eines Schülerparlaments (pro Hybrid, contra „nur virtuell“),
Feldnotiz einer Lehrkraft nach zwei Wochen Online-Unterricht,
Kolumne zur „Bildschirmschule“ als möglichem Verzicht auf soziale Räume.
Pro:Flexibilität, Zeitersparnis, individuelle Wiederholung, teils gute Lernleistungen.
Contra:Einsamkeit, ungleiche häusliche Bedingungen, Verlust von Praxisfächern und sozialem Lernen.
Besonderer Reiz:
Schüler:innen können eigene Distanzunterrichtserfahrungen reflektieren und gleichzeitig auf Material gestützt argumentieren.
Damit die Schüler:innen nicht bei jedem Thema „bei null“ anfangen, arbeite ich mit einemeinheitlichen Raster, das für alle sechs Themen gilt:
Aufbau:Einleitung mit wörtlicher Themenfrage am Schluss; Hauptteil mit klar abgegrenzten Argumentabschnitten; Schluss mit Fazit und konkretem Vorschlag/Bedingungen.
Argumentation:In jedem Absatz(B)Behauptung –(Bg)Begründung –(Bsp)Beispiel.
Materialbezug:Pro Argument mindestens ein Bezug zu M1–M4 („vgl. M2“) – keine reinen Bauchgefühle.
Sprache:sachlich, klar, mit Verknüpfungen („außerdem“, „jedoch“, „daher“, „schließlich“).
Dazu kommt einSchüler‑Feedbackblattzum Ankreuzen („Hast du …?“), mit dem sie vor der Abgabe selbst prüfen können, ob Aufbau, Materialbezug und Argumentationsstruktur stimmen.
Ein mögliches Vorgehen:
Einstieg (1 Stunde)
Kurz alle sechs Themen vorstellen, Schüler:innen markieren spontan drei, die sie interessieren. Danach Thema auswählen – je nach Klasse auch differenziert.
Materialphase (1–2 Stunden)
Pro Tisch/Gruppe ein Thema, M1–M4 lesen, Aussagen markieren, Pro-/Contra-Cluster anlegen.
Ergebnis: „Argumentekartei“ pro Thema.
Schreibphase (2–3 Stunden)
Klasse 1: linear (Pro oder Contra),
Klasse 2 oder nächste Stunde: dialektisch.
Immer mit B–Bg–Bsp und Materialbezug.
Feedback & Überarbeitung
Schüler:innen tauschen Texte (Peer‑Feedback anhand Checkliste), danach Überarbeitung mit Blick auf stärkstes Argument und Schlussvorschlag.

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