Die Karte ist nicht das Gelände - kleiner Kompass für Einsteiger

4e62ea96-8fca-4288-9a55-896691d94797.png


Die Karte ist nicht das Gelände – aber sie hilft
Oder: Feldnotizen aus unwegsamem Gelände

Irgendwo in Deutschland sitzt gerade eine Referendarin und tippt um 23:17 Uhr eine Unterrichtsvorbereitung. Sie hat vier Varianten der Einstiegsfrage durchprobiert, zwei davon wieder gelöscht, und fragt sich, ob die Gruppenarbeit in der dritten Phase zu lang oder zu kurz sein wird. Morgen früh wird sie es wissen. Heute Nacht tippt sie weiter. Vielleicht kennen Sie dieses Bild. Vielleicht sind Sie gerade diese Person.

Es gibt einen alten Satz des Philosophen Alfred Korzybski, der lautet: Die Karte ist nicht das Gelände. Gemeint war damit, dass Beschreibungen der Wirklichkeit niemals die Wirklichkeit selbst ersetzen. Ein kluger Gedanke. Für Lehrerinnen und Lehrer gilt allerdings auch das Gegenteil: Wer ohne Karte ins Gelände geht, läuft irgendwann im Kreis. Die Unterrichtsforschung ist so eine Karte. Unvollständig, wie alle Karten. Vereinfacht, wie alle Karten. Und dennoch: außerordentlich nützlich, wenn man weiß, wie man sie liest.

John Hattie, neuseeländischer Bildungsforscher, hat über Jahre eine der sorgfältigsten solcher Karten gezeichnet, die das Fach bislang hervorgebracht hat. Mehr als 800 Metaanalysen, Daten aus Hunderten von Studien, verdichtet zu einer Rangliste von Faktoren, die Lernleistungen beeinflussen – mit einem Zahlenwert, der messbar macht, was im Klassenzimmer eigentlich unsichtbar bleibt. Ab einem Wert von d = 0,40 spricht man vom Umschlagpunkt: Faktoren darüber beschleunigen das Lernen deutlich stärker als das, was in durchschnittlichem Unterricht ohnehin passiert. Diese Karte sagt nicht, wie Ihr Unterricht aussehen soll. Sie zeigt, wo es Berge gibt – und wo das Gelände unwegsamer ist, als man dachte.

Dienstag, dritte Stunde. Sie haben eine Erörterung zurückgegeben. Die Aufgabe war klar, die Korrekturen sorgfältig, die Randkommentare wohlformuliert. Und trotzdem: Kaum jemand liest die Rückmeldungen. Die meisten Blicke wandern sofort zur Note unten rechts, dann klappt das Heft zu. Wer die Forschungslage kennt, erkennt darin ein strukturelles Problem – und kein Motivationsdefizit der Klasse. Feedback entfaltet seine Wirkung (d = 0,72, einer der stärksten direkt beeinflussbaren Faktoren bei Hattie) nur dann, wenn Lernende Zeit und Anlass bekommen, es tatsächlich zu nutzen. Ein Arbeitsauftrag: "Erstelle eine Tabelle, in der du gelungene Aspekte und Fehlerschwerpunkte einander gegenüberstellst. Schreibe in einem Satz, was du nächstes Mal konkret anders machen oder beibehalten möchtest." Plötzlich liest die Klasse. Neuer Anfang statt Abschluss.

Mittwoch, großes Lehrerzimmer. „Ich erkläre das jedes Jahr aufs Neue", sagt Ihr Kollege und schüttelt den Kopf über die letzte Schulaufgabe. „Die können die Kommaregeln einfach nicht. Irgendwann muss man akzeptieren, dass manche das halt nicht lernen." Eine Aussage, die aus echtem Frust entsteht. Und eine, bei der Ihnen leise etwas widerspricht. Verteiltes Üben – Stoff in mehreren zeitlich verteilten Kurzeinheiten wiederholen statt in einer langen Intensivphase kurz vor der Arbeit – zeigt bei Hattie d = 0,60. Kommaregeln, einmal erklärt und danach gelegentlich abgefragt, sedimentieren kaum. Dieselben Regeln, kleinschrittig über Wochen hinweg abgerufen, zunehmend automatisiert. Die Schülerinnen und Schüler haben das nicht nicht gelernt, denn sie haben es zu selten abgerufen. Diesen Unterschied können Sie benennen. „Hast du mal versucht, das über den Stundeneinstieg zu verteilen, so drei Minuten pro Woche?" Manchmal pflanzt eine Frage den Kern einer Veränderung.

Freitag, Ausbildungsgespräch. Ihr Ausbilder hat Ihre Lehrprobe gesehen. Eine solide Stunde, sagt er, gute Struktur, ruhige Präsenz. Dann: „Aber ich hatte das Gefühl, Sie wussten nicht, ob die Schülerinnen und Schüler das Wesentliche mitgenommen haben. Wie hätten Sie das herausfinden können?" Eine Frage, auf die früher ein Achselzucken gefolgt wäre. Wer die Forschungslage kennt, antwortet konkret: Eine Exit-Karte am Stundenende mit zwei Fragen, zwei Minuten, anonym. Was habe ich heute verstanden? Wo bin ich noch unsicher? Nicht zur Benotung, sondern zur Steuerung. Formative Evaluation zeigt bei Hattie d = 0,90, einen besonders hohen Wert unter den direkt unterrichtsbezogenen Faktoren. Nur wenige Minuten am Ende einer Stunde, die die nächste Stunde grundlegend verändern, weil man dann weiß, wo man wirklich steht. Ihr Ausbilder nickt. Nicht, weil Sie einen Fachbegriff genannt haben; sondern, weil Sie eine Entscheidung begründen konnten.

Sie werden Stunden halten, die trotz bester Vorbereitung stolpern. Sie werden improvisieren, zweifeln, manchmal abends grübeln. Das gehört dazu – nicht als Manko des Berufs, sondern als sein eigentlicher Stoff. Die Forschung nimmt Ihnen das nicht ab. Aber sie gibt Ihnen etwas, das schwerer zu fassen ist und deshalb oft unterschätzt wird: Gelassenheit durch Orientierung. Wer weiß, was in der Regel wirkt, muss bei Abweichungen nicht sofort an sich selbst zweifeln. Wer die Karte kennt, weiß, wann er im Gelände ist – und wann er nur einen Umweg macht.

Umwege, das sei abschließend gesagt, haben in der Topographie des Lernens übrigens einen recht guten Ruf. Manchmal führen sie zu Aussichten, die der direkte Weg verpasst hätte.

Tags: padagogik, referendariat

Wenn du den Blog-Artikel magst dann klicke auf das Herz. Das hilft uns zu verstehen, welche Artikel besonders lesenswert sind.


Autor Lernstratege bietet 301 Materialien für Deutsch, Fachübergreifendes und 9 weitere Fächer an - zum Beispiel:

Kommentare und Fragen von anderen Nutzern
Bitte melde dich an, um einen Kommentar zu hinterlassen.
Bitte beachte auch unsere Datenschutzbestimmungen.