Das Regal steht - Deine kleine Hilfe fürs Referendariat

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Das Regal steht. Die Bücher können rein. Oder: warum zu viel viel zu oft zu wenig ist

Stell dir vor, du kaufst ein Bücherregal. Du weißt, wie ein Bücherregal aussieht, du hast dein Leben lang in Räumen mit Bücherregalen verbracht, du hast Bücher hineingestellt, herausgenommen, gelegentlich sogar gelesen. Du bist, in jeder denkbaren Hinsicht, ein erfahrener Bücherregalnutzer. Und dann sitzt du auf dem Boden, 47 Einzelteile um dich herum, und stellst fest: Das reicht nicht. Da fehlt etwas. 

Das Referendariat ist dieses Gefühl, in Berufsform. 

Jahrelang hat man Unterricht als Konsument erlebt und dabei einen erstaunlich präzisen Instinkt entwickelt: Das hier zieht einen rein. Das da langweilt. Diese Lehrkraft weiß, was sie tut. Die dort nicht. Man glaubt, beim langen Zuschauen hätte man das Wesentliche aufgesogen wie Wasser in einem Schwamm. Dann steht man selbst vorne und merkt: Der Schwamm ist trocken. Und beim Regal, das man unlängst aufbauen wollte, sucht man zudem vergeblich die Anleitung.

Was man in diesem Moment nicht braucht, ist ein Besserwisser, der daneben steht, ohne zu helfen. Was man nicht braucht, ist eine neue Lerntheorie. Was man braucht, ist jemanden, der mit anpackt und sagt: Fang hier an. Mach das zuerst. Sag diesen Satz. Und dann diesen. 

Unterricht, der klappt, besteht meist nur aus vier Phasen und einer überschaubaren Anzahl an Methoden. Der häufigste Fehler im ersten Referendariatsjahr ist nicht Methodenarmut; es ist Methodenpanik: zu viele Ideen, zu wenig Sicherheit, und mittendrin der Wunsch, wenigstens eine Sache einfach automatisch zu können.

Die Forschung gibt dem recht. John Hattie hat in einer Synthese von über 800 Metaanalysen herausgefunden, dass Unterrichtsklarheit eine der wirksamsten Stellschrauben überhaupt ist. Nicht Innovationsfreude. Nicht die neuste digitale Ausstattung. Klarheit. Das Thema sichtbar, die Erwartungen transparent, der Arbeitsauftrag schriftlich und präzise. Effektstärke weit über dem Durchschnitt. Das ist ungefähr so überraschend wie die Erkenntnis, dass gut gelüftete Räume das Lernen fördern; und wird mit ähnlicher Konsequenz ignoriert.

Guter Unterricht macht Klarheit zur Gewohnheit. Das Stundenthema bleibt als Anker oben stehen und verschwindet nicht nach fünf Minuten. Die Leitfrage ist formuliert. Der Arbeitsauftrag steht projiziert auf der Folie – mit Zeitangabe und Sozialform – weil das gesprochene Wort im Klassenraum eine mittlere Halbwertszeit von ungefähr einer Minute hat und danach zuverlässig drei Schüler fragen, was sie eigentlich machen sollen.

Und die Übergänge zwischen den Phasen? Die notiert man sich. So stehen sie als fertige Sätze zur Verfügung. Nicht als Drehbuch, das man angstvoll abliest, sondern als Geländer, das man loslässt, sobald man nicht mehr drauf angewiesen ist. Einmal verinnerlicht, klingt das mühelos. Vorher liest man es ab. Beides ist völlig in Ordnung. Schwamm drüber.

Das Bücherregal steht übrigens irgendwann. Immer. Der erste Abend dauert vielleicht länger als gedacht, die Anleitung liegt einmal falsch herum, und an einer Stelle glaubt man kurz, einen Schritt übersprungen zu haben. Man hat ihn nicht übersprungen. Man hat ihn nur noch nicht oft genug gemacht, um ihn zu kennen. Das ändert sich.

Wer jetzt neugierig geworden ist: gut so. Neugier ist, neben einem funktionierenden Drucker, die nützlichste Ressource im Referendariat. Das Einsteigerpaket liegt bereit: mit vier Phasen, drei Methoden pro Phase, fertigen Formulierungsbausteinen für alle Übergänge und einer Roh-Präsentation, die nur darauf wartet, mit deinem ersten guten Unterricht gefüllt zu werden.

Es ist hoffentlich eine kleine Orientierung in deinem neuen Alltag. Und Orientierung ist, wenn man zum ersten Mal vor einer Klasse steht, das Wertvollste, was man haben kann. Mit hoher Effektstärke für dein Wohlbefinden. Den Rest bringst du selbst mit. Denn du weißt mehr, als du wahrscheinlich gerade glaubst.

Tags: referendariat, padagogik

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