Motivation kommt von innen, heißt es. Als Lehrende wünschen wir uns oft, dass diese Motivation auch bei Grammatik-Themen von den Kindern und Jugendlichen selbst kommt. Erinnern wir uns jedoch an unsere eigene Schulzeit, so werden die wenigsten von uns hellauf begeistert gewesen sein, wenn es um das Auswendiglernen von irregulären Verben ging.
Bereits in den ersten Wochen als Lehrkraft in der Schule habe ich den für mich größten Unterschied zu meiner jahrelangen Tätigkeit in der Erwachsenenbildung bemerkt: Motivation und Selbstverantwortung. Erwachsene haben oft einen starken Antrieb, eine Sprache zu lernen, der individuell sehr unterschiedlich sein kann, häufig jedoch mit einem Schmerz oder einem sehr starken positiven Anreiz verbunden ist:
Bei Kindern und Jugendlichen ist das - meistens - ganz anders. Der innere Schmerz ist (noch) nicht da, häufig fehlt jedoch auch der starke positive Anreiz. Kommen dann Erwachsene mit Sätzen wie "Das brauchst du für später, das ist sehr wichtig für deine Zukunft!" so haben sie keine Vorstellung, wovon wir sprechen. Auch ganz klar, wenn wir darüber nachdenken, was man noch nicht erlebt hat, kann man sich meist schwer vorstellen.
Trotzdem wollte ich das permanente "Ziehen" ("Komm, üb das noch! Hier sind noch gute Übungen für dich!") als Dynamik in meinem Unterricht loswerden, oder zumindest minimieren.
Gelungen ist mir das durch die Einführung von Leaderboards / Progress Charts:

In einer Tabelle werden alle Namen der Klasse aufgelistet, dazu Grammatik-Themen, die in den aktuellen Wochen/Monaten gelernt und geübt werden sollten. Zu jedem Grammatik-Thema gibt es von mir Material zur freien Entnahme:
Das aktuelle Leaderboard / Progress Chart wird für alle gut ersichtlich im Klassenraum aufgehängt. In Freiarbeitszeiten haben die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit, aufzustehen, hinzugehen, sich einen Überblick zu verschaffen:
Sie können frei wählen, ob sie alleine üben möchten oder auf andere Kinder und Jugendliche zugehen, ob jemand mit ihnen gemeinsam üben möchte. Das hat das soziale Miteinander und das Einüben von passenden Umgangsformen massiv gestärkt - besonders in einer Zeit, wo viele Pausen nicht miteinander, sondern (leider) auf den Smartphones verbracht werden.
Wer glaubt, ein Thema gut zu beherrschen, kann zu mir kommen und sich von mir prüfen lassen. Dafür gibt es dann bei 90% Erfolgsquote ein Häkchen im Leaderboard. Falls die 90% noch nicht erreicht wurden, geht's noch einmal in die Übungsphase. All das ist komplett unabhängig von Noten und sonstigen Bewertungen, dahinter steht kein Druck, sondern die reine Möglichkeit, so lange zu üben, bis man das eigene Ziel erreicht hat.
Hier bemerkte ich, wie sehr der Ehrzeiz von einigen aktiviert wurde. Die psychologische Tendenz, dass wir uns - oft ganz unbewusst - miteinander vergleichen, bringt hier einen schönen Vorteil: Nach und nach verschob sich der Fokus, weg von mir als Lehrkraft, hin zu sich selbst, der eigenen Leistung und der Freude, sich mit anderen messen und vergleichen zu können und für sich selbst das Ziel zu erreichen, schließlich alles abhaken zu können.
Plötzlich war nicht mehr ich die treibende Kraft, die mit neuen Übungsblättern in den Klassenraum kam und auf seufzende, erschöpfte Wesen traf, wenn ich ein Grammatik-Thema ankündigte. Nach und nach änderte sich die Dynamik hin zu selbstbestimmt handelnden Kindern und Jugendlichen, die fragten, ob sie aufstehen und das Leaderboard anschauen dürfen ("Ja, klar!" :-) ), um dann nach bestimmten Übungen zu bestimmten Grammatik-Themen zu fragen:
"Frau Lehrerin, haben Sie noch Übungen zu den irregulären Verben?"
Ja, die hab ich. Sehr gerne teile ich sie mit dir, damit du deine Ziele erreichen kannst.
Diese Dynamik gefällt mir nun gleich viel besser, fühlt sich angenehmer an.
Diese Methodik kann für alle möglichen anderen Fächer adaptiert werden. Welche Erfahrungen macht ihr damit? Ich freue mich, von euch zu lesen :-)
Herzliche Grüße,
Kerstin und das cleverAlpaca
Wenn du den Blog-Artikel magst dann klicke auf das Herz. Das hilft uns zu verstehen, welche Artikel besonders lesenswert sind.