AI-Slop im Unterricht: Warum Sokrates heute schweigen würde

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AI-Slop im Unterricht - Die Maschine antwortet, aber sie denkt nicht

Oder: Warum Sokrates heute schweigen würde


Es gibt dieser Tage ein neues Geräusch in deutschen Klassenzimmern, und es ist das leise Wischen auf Bildschirmen, das heimliche Klicken von Tastaturen unter Tischen, gefolgt von Antworten, die verdächtig gut formuliert sind. Schülerinnen und Schüler, die vor drei Wochen noch nicht wussten, wo man einen Gedankenstrich setzt (oder was das eigentlich ist), produzieren plötzlich Sätze von einer syntaktischen Eleganz, die selbst Thomas Mann neidisch gemacht hätte. Die künstliche Intelligenz ist im Unterricht angekommen, und sie hat ihre Armee mitgebracht: ein ganzes Heer von Chatbots, die bereitwillig jeden Arbeitsauftrag erledigen, den man ihnen zuflüstert.

Nun könnte man meinen, die Lösung liege auf der Hand: Man ändert einfach die Aufgaben. Statt Zusammenfassungen schreiben zu lassen, lässt man Zusammenfassungen bewerten. Statt Gedichte zu interpretieren, lässt man KI-Interpretationen kritisieren. Das klingt clever und wird in Fortbildungen auch genau so verkauft, mit Begriffen wie "höhere Taxonomiestufen" und "kritische Medienkompetenz". Nur leider übersieht diese Strategie ein fundamentales Problem, und dieses Problem heißt: das fragend-entwickelnde Unterrichtsgespräch ist damit am Ende.

Für Außenstehende sei kurz erklärt, was damit gemeint ist. Das fragend-entwickelnde Unterrichtsgespräch ist die Urform des Unterrichtens, bei der die Lehrkraft Fragen stellt, Schülerinnen und Schüler antworten, und aus diesem Pingpong der Gedanken langsam, Schritt für Schritt, eine Erkenntnis wächst. Sokrates soll das erfunden haben und seitdem funktioniert Schule im Kern nach diesem Prinzip. Die Lehrkraft modelliert einen Erkenntnisprozess, sie fragt: Was fällt euch an der ersten Strophe auf? Jemand sagt: Da ist eine Alliteration. Die Lehrkraft fragt weiter: Und welche Wirkung hat die? Jemand anderes überlegt, zögert, versucht es. Aus dem Zögern und Versuchen entsteht allmählich Verstehen - mit jeder Frage, mit jeder Antwort.

Genau dieses Zögern und Versuchen aber wird durch die allgegenwärtige Verfügbarkeit von KI-Antworten vergiftet. Nicht nur weil die Schülerinnen und Schüler während des Unterrichtsgesprächs heimlich ChatGPT befragen, obwohl auch das vorkommt, sondern auch weil sie es vorher getan haben. Sie haben die Hausaufgabe nicht selbst gemacht. Sie haben den Text nicht selbst gelesen und nicht selbst darüber nachgedacht. Sie kommen in den Unterricht mit Antworten, die nicht ihre eigenen sind, und wenn man sie fragt, was ihnen an der ersten Strophe auffällt, dann reproduzieren sie etwas, das sie nicht verstanden, sondern nur kopiert haben.

Das Problem ist nicht die Aufgabe. Das Problem ist der Prozess. Das fragend-entwickelnde Gespräch funktioniert nur, wenn die Beteiligten tatsächlich etwas zu entwickeln haben, wenn sie mit eigenen, unvollständigen, tastenden Gedanken in den Raum kommen, die dann gemeinsam weitergedacht werden können. Eine von der KI generierte Antwort ist aber kein tastender Gedanke. Sie ist ein fertiges Produkt, glatt und abgeschlossen wie eine Fertigpizza. Man kann sie aufwärmen und servieren, aber man kann aus ihr nichts mehr entwickeln. Und der Nährwert ist auch überschaubar.

Hier liegt der Denkfehler derer, die glauben, man müsse nur die Aufgabenformate anpassen. Ja, man kann Aufgaben stellen, die schwerer zu automatisieren sind. Man kann verlangen, dass Schülerinnen und Schüler KI-Texte analysieren statt selbst zu schreiben. Aber was passiert dann? Sie lassen die Analyse von der KI schreiben. Oder sie lassen sich von der KI erklären, was an dem KI-Text problematisch ist, und geben diese Erklärung als ihre eigene aus. Die Maschine ist schneller als jede didaktische Innovation, und sie wird es bleiben.

Was also tun? Die unbequeme Antwort lautet: weniger Technologie, nicht mehr. Plattformverbote an Schulen, und zwar echte, nicht jene halbherzigen Empfehlungen, die niemand durchsetzt. Unterricht, der wieder stärker im Klassenzimmer stattfindet, mit Stift und Papier, unter Aufsicht, ohne die Möglichkeit, sich die Antwort aus der Hosentasche zu ziehen. Das klingt reaktionär, und vielleicht ist es das auch, aber manchmal ist die reaktionäre Antwort die richtige.

Denn was wir gerade erleben, ist eine schleichende Erosion dessen, was Bildung im Kern ausmacht. Bildung ist nicht das Haben von Antworten, sondern das Entwickeln von Gedanken. Sie ist nicht das Produkt, sondern der Prozess: Wenn dieser Prozess aber ausgelagert wird an eine Maschine, die weder denkt noch versteht, sondern nur statistisch wahrscheinliche Wortfolgen produziert, dann bleibt am Ende nichts übrig als eine Simulation von Bildung, eine Art Potemkinsches Dorf des Geistes, hübsch anzusehen, aber leer. Damit wäre die Ära der Kompetenzorientierung vorbei.

Die Verfechter des KI-Einsatzes im Unterricht argumentieren gern, man müsse die Schülerinnen und Schüler auf eine Welt vorbereiten, in der KI allgegenwärtig sein wird. Das stimmt, aber es ist ein Argument für Medienkompetenz, nicht für Medienabhängigkeit. Wer einen Taschenrechner bedienen kann, muss trotzdem Kopfrechnen lernen, weil man sonst nicht merkt, wenn der Taschenrechner Unsinn ausspuckt. Wer eine KI bedienen kann, muss trotzdem denken lernen, weil man sonst nicht merkt, wenn die KI elegant formulierten Unfug produziert. Und Denken lernt man nicht, indem man einer Maschine beim Denken zusieht. Das zu verstehen, gehört auch zur Medienkompetenz.

Am Ende ist die Frage, die sich jede Schule stellen muss, erschreckend einfach: Wollen wir, dass unsere Schülerinnen und Schüler denken lernen, oder wollen wir, dass sie lernen, Maschinen zu bedienen, die für sie denken? Die erste Option ist mühsamer, langsamer, frustrierender. Sie erfordert Geduld, Wiederholung, das Aushalten von Stille, wenn jemand nachdenkt. Die zweite Option ist bequemer, schneller, beeindruckender in den Ergebnissen. Sie produziert glänzende Aufsätze und leere Köpfe.

Ich weiß, welche Option ich bevorzuge. Und ich vermute, Sokrates hätte es ähnlich gesehen, obwohl er natürlich nie einen Chatbot bedient hat. Aber er hätte sofort verstanden, dass eine Antwort, die man nicht selbst gefunden hat, keine Antwort ist, sondern nur ein Geräusch. Angesichts heutiger Unterrichtsgespräche würde Sokrates wohl schweigen. 

Vielleicht lohnt es sich, an dieser Stelle an Platons Höhlengleichnis zu erinnern, wie es in dem Material "Lyrik der Aufklärung" aufgegriffen wird. Die Gefangenen in der Höhle halten die Schatten an der Wand für die Wirklichkeit. Heute sitzen Schülerinnen und Schüler in einer digitalen Höhle und halten KI-generierte Antworten für echtes Verstehen.

Was Kant als selbstverschuldete Unmündigkeit beschrieb – das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines Anderen zu bedienen – gilt heute mehr denn je. Nur dass der "Andere" kein Mensch mehr ist, sondern ein Algorithmus. Der Ausgang aus dieser selbstverschuldeten KI-Unmündigkeit erfordert Mut: den Mut, die bequeme Antwort abzulehnen und selbst zu denken, auch wenn es anstrengend ist. Wir Lehrer sollten den Mut aufbringen, unseren Schülern hierbei zu helfen.

Denn am Ende bleibt von einer KI-generierten Antwort nichts übrig, wenn man den Bildschirm ausschaltet. Was übrig bleibt von einem selbst gedachten Gedanken, ist alles.

Tags: lesen, padagogik, medienkompetenz, ki, hohlengleichnis, unterrichtsgesprach

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