
Es gibt in der Kunstgeschichte einen Begriff, der mich tröstet, wenn ich gewisse Hefte aufschlage: die "Ästhetik des Hässlichen". Karl Rosenkranz hat ihr 1853 eine ganze Abhandlung gewidmet, und ich frage mich manchmal, ob er nicht prophetisch war – ob er nicht in einer Vision die Deutschhefte des 21. Jahrhunderts geschaut hat und beschloss, dem Grauen einen philosophischen Rahmen zu geben.
Das Hässliche, so Rosenkranz, sei nicht einfach die Abwesenheit des Schönen. Es sei eine eigene Kraft, eine aktive Verneinung, ein trotziges So-nicht gegen jede Ordnung. Wenn ich das lese und dann ein Heft aufschlage, in dem die Notizen zur Epochenübersicht auf Seite 3 beginnen, auf Seite 17 weitergehen, dazwischen unvermittelt eine halbe Gedichtanalyse auftaucht und das Ganze garniert ist mit einem Zettelgrab von biblischem Ausmaß – dann erkenne ich: Hier hat jemand das Hässliche nicht erlitten, sondern erschaffen.
Das Zettelgrab verdient besondere Würdigung. Es handelt sich um jene losen Blätter, die aus dem Heft quellen wie Eingeweide aus einem barocken Märtyrergemälde. Arbeitsblätter, Kopien, hastig abgerissene Notizfetzen – sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind nicht eingeklebt, nicht eingeheftet, nicht einmal gefaltet. Sie wohnen im Heft wie Untermieter ohne Mietvertrag, und bei jedem Öffnen rieseln sie heraus wie Herbstlaub.
Der Schüler, konfrontiert mit diesem Befund, zuckt die Schultern. Er sagt, er weiß, wo alles ist. Er sagt, er hat ein System. Dieses System ist für Außenstehende so zugänglich wie die Keilschrift für Analphabeten, aber es existiert, irgendwo, in den Windungen seines Geistes. Das Heft selbst ist nur ein unvollkommenes Abbild dieser inneren Ordnung, ein Schatten an der Höhlenwand. Ein expressiver Akt der Deutung der platonischen Ideenlehre.
Noch faszinierender ist die Technik der Zerwürfelung als Kunstform. Eine zusammenhängende Unterrichtseinheit, sagen wir: die Weimarer Klassik, findet sich verteilt über sieben nicht aufeinanderfolgende Seiten. Seite 6, 7, dann 12, dann 8, dann 23, 24 und im unteren Leerraum von Seite 3. Dazwischen: andere Themen, Kritzeleien, eine Einkaufsliste, das WLAN-Passwort der Großmutter.
Man könnte dies für Schlamperei halten. Man könnte aber auch eine postmoderne Verweigerung linearer Narration erkennen. Der Schüler dekonstruiert die Illusion chronologischer Ordnung! Er sagt: Unterricht ist nicht, was nacheinander geschieht, Unterricht ist ein Rhizom, ein Netzwerk, ein Hypertext!
Oder er hatte einfach keine Zeit und auf dem nächstbesten freien Blatt weitergeschrieben. Die Interpretation liegt, wie so oft, im Auge des Betrachters.
Der Philosoph des Hässlichen Rosenkranz unterschied zwischen dem Formlosen, dem Asymmetrischen und dem Disharmonischen. Alle drei Kategorien finden sich im grotesken Schulheft vereint, oft auf einer einzigen Seite:
Das Formlose: Textblöcke ohne Anfang und Ende, plötzliche Zeilensprünge, Patchwork-Lyrik und Destruktivismus als Grundprinzip.
Das Asymmetrische: Ränder, die mal existieren, mal nicht, je nach Tageslaune.
Das Disharmonische: Kugelschreiber, Bleistift, Filzstift und ein mysteriöser lila Textmarker, der offenbar alles für wichtig hielt.
Rosenkranz hätte seine Freude gehabt. Oder einen Nervenzusammenbruch. Beides wäre angemessen.
Nun bin ich kein Freund des bloßen Beklagens. Es gibt nichts Denkfauleres als immer nur alles benörgeln zu wollen, ohne auch einmal einen Lichtblick zu suchen. Ich bin Pädagoge, und Pädagogen müssen an Besserung glauben, sonst können sie morgens nicht aufstehen.
Also sprechen wir Klartext: Das Zettelgrab lässt sich zuschütten. Klebestifte und -bänder kosten wenig und leisten viel. Die Würfelnotiz lässt sich entmischen, wenn man – revolutionärer Gedanke – auf der nächsten freien Seite weiterschreibt statt auf der nächsten freien Seite irgendwo. Und das Hässliche lässt sich, wenn nicht ins Schöne, so doch ins Brauchbare verwandeln. Datum. Überschrift. Rand. Reihenfolge. Eingeklebte Blätter. Das ist Handwerk, und Handwerk kann man lernen.
Ich träume manchmal von Heften, die man aufschlägt und die zurückblicken mit der stillen Würde gut geordneter Gedanken. Hefte, in denen man findet, was man sucht. Hefte, die nicht rascheln und rieseln und sich auflösen. Das muss man aber auch erklären. Und einfordern. Immer wieder. Und wieder. Und wieder.
Bis dahin werde ich weiter graben. Durch Zettelgräber, durch zerwürfelte Notizen, durch die Ästhetik des Hässlichen in all ihren Spielarten. Rosenkranz wäre stolz auf mich. Oder entsetzt. Wie gesagt: Beides wäre angemessen.
Wer übrigens die Ästhetik des Hässlichen nicht nur in Schulheften, sondern auch in der Literatur erkunden möchte, dem sei mein Materialpaket "Ästhetik des Hässlichen" ans Herz gelegt. Dort findet sich eine Unterrichtseinheit zu den abstoßenden, grotesken und verstörenden Seiten der Literatur. Und wem selbst das noch nicht hässlich genug ist, der findet im Komplettpaket zum Expressionismus sicherlich ausreichend innovative Inhalte. Manchmal muss man das Hässliche erst in der Kunst untersuchen, bevor man es im Heft ertragen kann.
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