Schreiben lernen? Dafür haben wir leider keine Zeit!

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Schreiben lernen? Dafür haben wir leider keine Zeit!

Eine kleine Philippika gegen den geordneten Wahnsinn des Deutschunterrichts in der Oberstufe

Stellen Sie sich vor, Sie möchten Klavier spielen lernen. Ihr Lehrer erklärt Ihnen die Harmonielehre, zeigt Ihnen Bilder von Tastaturen, lässt Sie Aufsätze über Chopin schreiben – und wundert sich dann, dass Sie nach drei Jahren noch immer nicht spielen können. Absurd? Willkommen im Deutschunterricht der Oberstufe.

Das Paradox der schreiblosen Schreibschule

Wir Deutschlehrer befinden uns in einer grotesken Situation, die Kafka nicht treffender hätte erfinden können: Wir sollen Schreibkompetenz vermitteln, ohne Zeit zum Schreiben zu haben. Der Lehrplan – jenes mythische Dokument, das prophetisch von nahenden Kompetenzen kündet und dem alle gehorchen – verlangt die Behandlung von Epochen, Werken, Theorien, Kommunikationsmodellen und, nicht zu vergessen, der unvermeidlichen Pflichtlektüren. Was bleibt? Die Hoffnung, dass Schreiben sich durch Osmose überträgt. Dass die bloße Nähe zu Goethe-Texten genügt, um selbst genial formulieren zu können. Spoiler: Nein.

Fünf Schreibformen, null Übungszeit

Betrachten wir knapp das Arsenal, das unsere Abiturientinnen und Abiturienten beherrschen sollen:

Die textgebundene Erörterung – jene Kunstform, bei der man zunächst verstehen muss, was ein anderer meint, um dann höflich zu widersprechen. Eine Fähigkeit, die in Zeiten von Twitter-Tiraden geradezu revolutionär anmutet. Aber wann üben wir sie? Zwischen der Analyse von Woyzecks Erbsenvision und der Interpretation von Kafkas Türhüter-Parabel?

Das materialgestützte Schreiben – der pädagogische Versuch, Schüler mit Statistiken, Zeitungsartikeln und Schaubildern zu konfrontieren und daraus einen kohärenten Text entstehen zu lassen. Eine Übung, die eigentlich wöchentliches Training erforderte. Wir schaffen es zweimal im Halbjahr, wenn wir Glück haben.

Die Analyse epischer Texte – hier sollen junge Menschen erkennen, dass ein Erzähler nicht der Autor ist (eine Einsicht, die manche Literaturkritiker nie erlangen), dass Zeitstruktur Bedeutung trägt und dass die Wahl der Perspektive kein Zufall ist. Das Schreiben dieser Analyse? Wird schon irgendwie klappen.

Die Lyrikanalyse – mein persönlicher Favorit des didaktischen Optimismus. Wir erwarten, dass Siebzehnjährige über Jamben und Trochäen schreiben, über Enjambements und Synästhesien, über die Spannung zwischen Form und Inhalt – und das in einer Sprache, die selbst präzise und angemessen ist. Die Übungszeit dafür? Finden Sie selbst die romantische Ironie.

Die Dramenanalyse – wo Figurenkonstellation, Dialoganalyse und Konfliktstruktur zusammenfinden sollen in einem Text, der weder Nacherzählung noch Inhaltsangabe ist, sondern Deutung. Eine Königsdisziplin, für die wir fürstliche fünfundvierzig Minuten Vorbereitung einplanen.

Umberto Eco schrieb einmal, dass jede Liste letztlich ein Eingeständnis der Niederlage sei – der Versuch, das Unendliche durch Aufzählung zu bändigen. Unsere Lehrpläne sind solche Listen. Sie suggerieren Vollständigkeit, wo Auswahl nötig wäre. Sie versprechen Kompetenz, wo sie Beschäftigung liefern.

Fakt ist: Der Lehrplan der Oberstufe ist gut gefüllt mit zahlreichen zweifellos zielführenden und zentralen Inhalten – so gut gefüllt, dass jeder Oberstufenunterricht einem Dauerlauf in Sprintgeschwindigkeit gleicht. Und das Ziel verlieren wir in diesem Wettbewerb allzu leicht aus den Augen.

Die unbequeme Wahrheit

Schreiben lernt man durch Schreiben. Diese Binsenweisheit, die so banal klingt wie die Feststellung, dass Wasser nass ist oder dass Konferenzen länger dauern als nötig, wird im schulischen Alltag systematisch ignoriert. Wir korrigieren Klausuren, die Schreibprobleme offenbaren, für deren Behebung im Grunde keine Zeit vorgesehen ist. Wir diagnostizieren, ohne zu therapieren. Wir stellen fest, ohne abzustellen.

Das Ergebnis sind Schülerinnen und Schüler, die über Texte reden können, aber keine schreiben. Die wissen, was ein Argument ist, aber keines formulieren können. Die Stilmittel erkennen, aber keinen eigenen Stil entwickeln. Das können sie ja schon aus dem Vorjahr! Erinnern Sie sich noch an dieses eine Rezept, das Sie letztes Jahr zweimal gekocht hatten?

Was wäre wenn?

Jonathan Swift schlug einmal vor, irische Kinder zu essen, um das Armutsproblem zu lösen. Mein Vorschlag ist etwas weniger radikal, wird aber ähnliche Empörung hervorrufen: wir sollten mehr schreiben, um das Schreibproblem zu lösen.

Stellen Sie sich vor – und ich weiß, das ist gewagt –, wir würden eine Spur weniger Texte behandeln und lieber mehr Texte produzieren. Weniger über Schreiben reden und mehr schreiben. Weniger Theorie, mehr Praxis. Weniger Vollständigkeit, mehr Tiefe. Mehr Zeit für das, was am Ende geleistet werden muss: das Planen, Entwerfen, Überarbeiten von Texten. Nehmen wir uns die Zeit! Die Folge könnten kompetente Schülerinnen und Schüler sein.

Aber dafür, so werden die Bedenkenträger einwenden, lässt uns der Lehrplan nicht genügend Zeit. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Der Lehrplan ist selbst ein Text, der einer kritischen Analyse bedürfte. Auf die Frage, was er verschweigt, was er impliziert, welche Interessen er bedient. Aber für diese Analyse – Sie ahnen es – haben wir keine Zeit. 

Ein pragmatischer Ausweg (oder: Wie man das Beste aus einer schlechten Situation macht)

Nach dieser Litanei des Unmöglichen drängt sich die Frage auf: Sollen wir nun einfach kapitulieren? Die Waffen strecken vor dem übermächtigen Lehrplan und akzeptieren, dass unsere Absolventinnen und Absolventen zwar Woyzeck interpretieren, aber keinen kohärenten Text formulieren können? Nein. Denn selbst in diesem kafkaesken System lassen sich Wege finden.

Das Materialpaket "Schreibwerkstatt: Oberstufe" ist kein Wundermittel – Wundermittel gibt es nur in Märchen und Verlautbarungen des Kultusministeriums. Aber es ist genau für dieses Dilemma konzipiert: Es bietet systematische Wiederholungen und Übungen zu allen fünf Schreibformen, didaktisch so aufbereitet, dass sie sich auch in die Lücken zwischen Pflichtlektüren und Epochenüberblicken einfügen lassen. Kein Ersatz für ausgiebiges Üben, gewiss – aber ein strukturierter Trainingsplan, der trotz Zeitnot tatsächlich umsetzbar ist.

Hier finden sich nicht nur theoretische Erklärungen (davon haben wir alle genug), sondern konkrete Schreibanlässe mit gestaffelten Schwierigkeitsgraden, Formulierungshilfen für typische Stolpersteine und Überarbeitungschecklisten, die Schülerinnen und Schüler zu eigenständiger Textrevision befähigen. Kurz: Es übersetzt die hohen Anforderungen des Lehrplans in machbare Schritte.

Ist es die ideale Lösung? Nein. Die ideale Lösung wäre mehr Zeit. Aber es ist eine realistische Lösung – und das ist im Schulalltag oft wertvoller als das Ideal. Es ermöglicht das, was wir am dringendsten brauchen: regelmäßiges, angeleitetes Schreiben, auch wenn der Lehrplan dafür offiziell keine Stunden vorsieht.

Also: Zeit zum Schreiben! Während oben in den Ministerien weiter Listen erstellt werden, können Sie unten in den Klassenzimmern etwas Subversives tun: Ihre Schülerinnen und Schüler tatsächlich schreiben lassen. Regelmäßig. Angeleitet.

Und wenn dann beim Abitur herauskommen sollte, dass eine Generation von Schülerinnen und Schülern nicht nur über Literatur reden, sondern auch selbst formulieren kann – dann hätten wir bewiesen, dass "behandeln" nicht "abhaken" bedeuten muss. Dass Kompetenz wichtiger ist als Vollständigkeit.

Es wäre vielleicht an der Zeit, sich diese Zeit zu nehmen. Was haben wir zu verlieren – außer der Illusion, dass Schreiben ohne Schreiben funktioniert?

Nun interessiert mich eure Meinung: Können die Schüler das schon aus den Vorjahren? Wie stellt ihr den Kompetenzaufbau sicher? 

Tags: deutsch, schreiben, oberstufe, abitur

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