HAUSAUFGABEN - EIN ÜBERHOLTER BRAUCH?

Mein Name ist Enrico, ich unterrichte seit vielen Jahren an einer Grundschule in den Klassenstufen 1 bis 6. In dieser Zeit habe ich viele Diskussionen über das Thema Hausaufgaben geführt – mit Kolleginnen und Kollegen, mit Eltern und natürlich mit meinen Schülerinnen und Schülern. Dabei bin ich zu einer klaren Überzeugung gekommen: Hausaufgaben sind in den meisten Fällen überflüssig.

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Der Ursprung des Brauchs

Hausaufgaben haben in der Schule eine lange Tradition. Schon unsere Großeltern mussten nachmittags noch Aufgaben erledigen, die der Lehrer ihnen mitgegeben hatte. Damals war die Vorstellung weit verbreitet, dass man durch ständige Wiederholung und Disziplin am besten lernt. Schule sollte nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Gehorsam und Ausdauer einüben.

Doch heute, in einer Zeit, in der sich Lernmethoden, Lehrpläne und das Verständnis von Kindheit stark verändert haben, stellt sich die Frage: Ist dieser Brauch noch zeitgemäß?

Unterrichtszeit ist Lernzeit

Meine Haltung ist klar: Wenn Unterricht gut vorbereitet ist, wenn er konzentriert, strukturiert und gemeinsam mit den Kindern durchgeführt wird, dann reicht die Schulzeit völlig aus, um die nötigen Inhalte zu vermitteln und zu üben.

Ich habe mit meinen Klassen einen einfachen Deal: Wenn wir im Unterricht gemeinsam arbeiten, alle aufmerksam sind und wir die geplanten Inhalte schaffen, dann gibt es keine Hausaufgaben. Dieser Ansatz hat sich in der Praxis bewährt. Die Kinder sind motivierter, weil sie merken, dass sich ihre Anstrengung direkt auszahlt.

Entlastung für Kinder und Familien

Viele Eltern berichten mir, wie erleichtert ihre Kinder sind, seitdem wir dieses System eingeführt haben. Nachmittage, die früher von Stress, Tränen und Streit über Hausaufgaben geprägt waren, sind jetzt frei für Spiel, Sport, Musik oder einfach für Ruhe.

Ein Kind, das nach der Schule draußen spielt, baut mit Freunden eine Hütte oder liest ein spannendes Buch, lernt mindestens genauso viel – und zwar Dinge, die für die persönliche Entwicklung wichtig sind: Kreativität, soziales Miteinander, Selbstständigkeit.

Angstfreies Lernen

Hausaufgaben erzeugen nicht nur Stress, sie machen auch Angst. Viele Kinder kommen morgens mit einem flauen Gefühl in den Bauch, wenn sie nicht alles geschafft haben. Manche trauen sich kaum, ins Klassenzimmer zu gehen, weil sie eine Strafe fürchten. Dabei ist Angst ein schlechter Begleiter des Lernens.

Seitdem wir auf Hausaufgaben verzichten, beobachte ich deutlich mehr Gelassenheit. Kinder kommen mit Freude und Neugier in den Unterricht. Sie wissen: Hier wird gelernt – aber ohne Druck, am Nachmittag noch einmal dasselbe wiederholen zu müssen.

Ausnahme: Vokabeln

Eine kleine Ausnahme mache ich allerdings: In den Sprachfächern gebe ich den Kindern Vokabeln mit. Sprachen lernen erfordert regelmäßiges Wiederholen, und das lässt sich im Unterricht allein nicht leisten. Doch auch hier gilt: Die Kinder entscheiden, wie sie lernen. Manche sprechen mit den Eltern, andere kleben Zettel an den Badezimmerspiegel, wieder andere malen Bilder dazu. Entscheidend ist, dass es keine Strafe gibt, wenn es einmal nicht klappt.

Hausaufgaben als Ungleichmacher

Ein weiteres Problem von Hausaufgaben ist ihre soziale Ungerechtigkeit. Nicht jedes Kind hat zu Hause die gleichen Voraussetzungen. Manche haben ein eigenes Zimmer, Ruhe und Unterstützung durch Eltern. Andere teilen sich ein Zimmer mit Geschwistern oder haben Eltern, die kaum Deutsch sprechen oder schlicht keine Zeit haben.

So entstehen Unterschiede, die mit der eigentlichen Leistung im Unterricht nichts zu tun haben. In der Schule kann ich dafür sorgen, dass alle die gleichen Chancen haben. Zu Hause dagegen vertiefen Hausaufgaben oft die Unterschiede.

Verantwortung im Unterricht

Natürlich bedeutet mein Ansatz auch, dass wir im Unterricht sehr konsequent arbeiten müssen. Ich sage meinen Schülerinnen und Schülern klar: Wenn ihr möchtet, dass der Nachmittag frei ist, dann müsst ihr im Unterricht mitziehen. Das klappt erstaunlich gut. Kinder lieben klare Regeln, wenn sie fair sind und einen Sinn ergeben.

Und ja, es gibt auch Stunden, in denen wir etwas nicht schaffen. Dann vereinbaren wir gemeinsam, ob es sinnvoll ist, eine kleine Aufgabe mit nach Hause zu nehmen. Aber das geschieht bewusst und nicht automatisch.

Mehr Raum für Kindheit

Kindheit ist eine Zeit, die nicht wiederkommt. Sie sollte nicht mit stundenlangem Sitzen über Arbeitsblättern verbracht werden. Kinder brauchen Bewegung, frische Luft, Freundschaften, Langeweile und Fantasie. All das trägt mindestens ebenso zur Entwicklung bei wie Mathematik oder Deutsch.

Wenn ich sehe, wie meine Schülerinnen und Schüler nachmittags im Sportverein, im Chor oder einfach auf dem Spielplatz aufblühen, dann weiß ich: Sie lernen fürs Leben – auch ohne Hausaufgaben.

Der Blick nach vorn

Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft mutiger werden, alte Zöpfe abzuschneiden. Schule muss sich weiterentwickeln. Wir sollten uns fragen, was Kindern wirklich hilft, selbstbewusste, kreative und verantwortungsbewusste Menschen zu werden. Hausaufgaben gehören meiner Meinung nach nicht dazu – oder nur in sehr begrenztem Maße.

Mein Experiment zeigt: Es geht auch anders. Meine Klassen sind zufrieden, die Eltern berichten von entspannteren Nachmittagen, und die Leistungen im Unterricht haben sich nicht verschlechtert – im Gegenteil.


Hausaufgaben sind ein Brauch, der aus einer Zeit stammt, in der Gehorsam wichtiger war als Freude am Lernen. Heute wissen wir, dass Kinder am besten lernen, wenn sie neugierig und angstfrei sind. Schule sollte diesen Raum bieten – und Hausaufgaben sind dafür kein notwendiges Mittel.

Darum bleibe ich bei meiner Überzeugung:
Guter Unterricht braucht keine Hausaufgaben.
Mit Ausnahme der Vokabeln in den Sprachfächern, die regelmäßig geübt werden müssen, ist die Schulzeit ausreichend, um alles Wichtige zu lernen. Die Nachmittage gehören den Kindern – und das ist auch gut so.

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Tags: grundschule, hausaufgaben, unsinn, unterrichtszeit, freizeit, deal, freude auf schule, sinn , regeln, tradition

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