Jedes Mal, wenn ich in der Schule Stephen King lesen will mit den Schülern, kommt ein anderer Kollege oder ein Elternteil auf mich zu und sagt: "Wollen Sie das echt lesen? Stephen King schreibt doch Horrorgeschichten!" Und ich wundere mich immer wieder, dass nicht nur die Kids vielen Klischees kritiklos verfallen, sondern auch die Erwachsenen.
Ja, Stephen King ist bekannt für seine Horrorgeschichten und zwar besonders durch die Verfilmungen. Aber hat sich jemand mal die Mühe gemacht, das Buch hinter dem sensationslüsternen Film zu lesen? Gerade bei "Carrie" ist das auffällig: Der Roman ist gar kein Horrorthriller. Nicht nur, dass er von Anfang an durch seine Montagetechnik die Spannung bricht, er berichtet auch von Anfang an über die Katastrophe - sachlich, distanziert und kein bisschen sensationslüstern.
Statt dessen bietet dieser Roman eine Fülle von Anknüpfungspunkten an die Themen der heutigen Jugend: Ausgrenzung, Mobbing, Fanatismus, Mode, auch ein bisschen Mystery und eine Spur Romantik. Und das alles erzählt Stephen King ohne jegliches Bild-Zeitungs-Gehabe. Dass sich meine Schüler nach der Lektüre alle sehr positiv über das Buch geäußert haben und sich einig waren, dass man Carrie hätte helfen müssen statt sie zu schikanieren ist ein wundervolles Ergebnis dieser Unterrichtsreihe und zugleich ein Punkt auf meinem geheimen Lehrplan: Die Kids dazu bringen, über Klischees hinaus zu denken.
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